Gesundheit und Alkohol Der Morgen danach – Das sagt die Wissenschaft zum Kater

Von /dpa 

Bier auf Wein, das lass’ sein? Nur Weicheier katern? Rund um die Folgen des Alkoholrauschs kursieren etliche Weisheiten. Nicht alle halten einer wissenschaftlichen Prüfung stand.

Ein Mann schläft in einer Gastwirtschaft vor einem fast leeren Maßkrug. Wer an den Karnevalstagen ein paar Gläser mehr trinkt, könnte einen ungebetenen Gast bemerken: den Kater nach dem Rausch. Foto: dpa
Ein Mann schläft in einer Gastwirtschaft vor einem fast leeren Maßkrug. Wer an den Karnevalstagen ein paar Gläser mehr trinkt, könnte einen ungebetenen Gast bemerken: den Kater nach dem Rausch. Foto: dpa

Stuttgart/Berlin - Wer an den Karnevalstagen ein paar Gläser mehr trinkt, könnte einen ungebetenen Gast bemerken: den Nachdurst, auch Brand genannt, der häufig von einem starken Kater (der medizinische Fachbegriff heißt Veisalgia) mit Übelkeit, Erbrechen und Schwindel begleitet wird. Doch wie kommt der durstmachende Effekt des Alkohols zustande?

Wissenschaftler haben sich den Folgen des Alkoholkonsums ausgiebig gewidmet. Ein Überblick:

In welcher Reihenfolge man trinkt, ist dem Kater egal

„Bier auf Wein, das lass’ sein. Wein auf Bier, das rat’ ich dir.“ Forscher der Universität Witten/Herdecke haben den prominenten Rat zur Katervermeidung mit einem feuchtfröhlichen Experiment als Mythos entlarvt. Ihre Erkenntnis: Für den Kater spielt es keine Rolle, in welcher Reihenfolge man Bier und Wein in sich hineingeschüttet hat.

Die Teilnehmer der Studie im „American Journal of Clinical Nutrition“ tranken an zwei verschiedenen Abenden zunächst nur Wein oder Bier und wechselten bei 0,5 Promille Alkohol im Blut auf das jeweils andere Getränk. Für den Morgen danach machte das keinen Unterschied.

„Wir haben eindeutig gezeigt: Das Sprichwort stimmt nicht – zumindest für Weißwein und Lagerbier“, sagt der Mediziner Kai Hensel, der das Experiment in Witten geleitet hat.

Wer katert, muss ein Weichei sein

Nach einer durchzechten Nacht mit Kater aufzuwachen, ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist das Fazit einer Befragung niederländischer Studenten, die Wissenschaftler der Universität Utrecht durchgeführt haben. Es gab keine Unterschiede beim Wohlbefinden oder der sonstigen Widerstandsfähigkeit zwischen denen, die anfällig für Kater sind und denen, die weniger unter den Folgen des Trinkens leiden.

„Am Ende des Tages ist das Katerempfinden aber natürlich subjektiv, denn es ist ja eine Form von Schmerz“, sagt Wissenschaftler Hensel dazu.

Müde, durstig, unkonzentriert

Die Utrechter Alkoholforscher haben niederländische Studenten auch dazu befragt, wie sich ihr Kater äußert. Dabei kam heraus: Müdigkeit, Durst und Konzentrationsprobleme sind die Symptome, die von mehr als 95 Prozent der an Kater leidenden Befragten genannt wurden. Außerdem sehr häufig waren Kopfschmerzen und Übelkeit. Gut jeder fünfte Befragte berichtete von Angstzuständen.

Es kommt darauf an,was drin ist

Ein Experiment US-amerikanischer Forscher zeigte: Bourbon verursacht einen heftigeren Kater als Wodka. Die Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass Bourbon einen rund 37-fach höheren Anteil an sogenannten Kongeneren hat – das sind chemische Substanzen, die bei der Gewinnung von Alkohol entstehen.

Ginseng hilft beim Abbau von Alkohol

Koreanische Forscher verabreichten einer Gruppe von 25-jährigen Männern erst 100 Milliliter Whiskey und dann eine Wasserlösung mit rotem Ginseng. Eine Kontrollgruppe bekam nach dem Whiskey nur ein wirkungsloses Placebo. Bei der Ginseng-Gruppe verringerte sich der Alkoholgehalt im Blut deutlich schneller - und damit auch das Risiko eines üblen Katers.

Der Durst nach dem Rausch

Forscher der University of Texas Southwestern Medical Center in Dallas (US-Bundesstaat Texas) sind der Frage des Nachdurstes in einer Studie nachgegangen. Im Experiment mit Mäusen stellten die Wissenschaftler fest, dass Alkohol in der Leber die Produktion des Hormons FGF21 ankurbelt. Dieser Botenstoff ist auch für den Appetit auf Süßes verantwortlich, wie Forscher der Universität Kopenhagen 2017 herausfanden.

Die Experten untersuchten normale und genetisch veränderte Nager, die den Leber-Botenstoff nicht produzieren konnten. Bei normaler Ernährung tranken alle Tiere gleich viel Wasser. Als die Mäuse aber Futter bekamen, das sich im Körper ähnlich auf den Nährstoffhaushalt auswirkt wie Alkohol, zeigte sich ein markanter Unterschied. Während die Normalo-Mäuse mehr tranken, veränderte sich die Flüssigkeitsaufnahme bei den genetisch veränderten Mäusen nicht.

Durstzentrum im Gehirn wird angeregt

Für die Forscher ist damit klar: Die Ausschüttung von FGF21 stimuliert das Durstzentrum im Hypothalamus – also in jenem Abschnitt des Zwischenhirns, der als wichtigstes Steuerzentrum des vegetativen Nervensystems fungiert. Dadurch wird einem drohenden Flüssigkeitsmangel vorgebeugt, der durch den harntreibenden Effekt von Alkohol zustande kommt. Gleichzeitig wird die Lust, weiter Alkohol zu trinken, unterdrückt.

Durst ist nichts anderes als ein unmissverständliches Signal des Körpers, dass der Flüssigkeitshaushalt aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Dieses quälende Gefühl motiviert zu trinken und stellt auf diese Weise sicher, dass der Organismus funktionstüchtig bleibt.

Beim Kater hilft nur Wasser

Spezielle Messfühler im Durstzentrum des Gehirns analysieren, ob und wie viel Flüssigkeit der Körper braucht und um welche Flüssigkeit es sich handelt. Während Alkohol das Durstgefühl steigert und purer Saft überhaupt keine Wirkung zeigt, löscht Wasser den Durst nachhaltig.

Die Erkenntnis der texanischen Forscher hilft nicht nur verkaterten Wasen-Besuchern, sondern könnte auch einen therapeutischen Nutzen haben. „Vielleicht könnte FGF21 eines Tages als Medikament genutzt werden, um übermäßigem Alkoholkonsum und dessen Folgen vorzubeugen“, sagt der Biochemiker David Mangelsdorf von der Dallas University.