Globalisierung 1914 Wie die Welt sich ruinierte

Auf der Pariser Weltausstellung 1900 l Foto: akg
Auf der Pariser Weltausstellung 1900 l Foto: akg

Im Jahr 1914 war die Welt wirtschaftlich so eng verflochten wie erst wieder in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Doch die Zeitgenossen irrten, wenn sie glaubten, dies sei eine Garantie für den Frieden. Das ist eine bittere Lektion auch für die heutige Zeit.

Wirtschaft: Andreas Geldner (age)
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Stuttgart - Das Jahr hat sich für das Exportgeschäft von Bosch wieder einmal gut angelassen. Ein Werk für Lichtmaschinen im US-Bundesstaat New Jersey ist der jüngste Neuzugang auf einer immer länger werdenden Liste von ausländischen Standorten. Schon seit 1912 hat Bosch in den USA eine eigene Fabrik. Ein Viertel aller Bosch-Zündkerzen wird jenseits des Atlantiks verkauft. Auf jede im Inland eingenommene Mark kommen neun Mark aus dem Export. Binnen zehn Jahren hat sich der Firmenumsatz verzehnfacht, „einseitig durch die Auslandsnachfrage bedingt“, wie die Bosch-Historiker Johannes Bähr und Paul Erker schreiben.

Es ist der Sommer 1914 – und Bosch steht für die kraftstrotzende deutsche Wirtschaft. Siemens, AEG, BASF oder Bayer beherrschen in der Elektrotechnik oder der Chemiebranche den globalen Markt. Neunzig Prozent der synthetischen Farben auf der Welt stammen beispielsweise aus deutschen Fabriken. Die „Tiger-Nation“ Deutschland hat zum Sprung angesetzt und blickt goldenen Zeiten entgegen. Mitte August 1914 wird mit dem Panamakanal eine weitere Lebensader des Welthandels eröffnet werden. Doch als die ersten Schiffe durch die Schleusen fahren, ist schon Krieg.

Einem Zeitreisenden von heute würde die Welt von 1914 durchaus vertraut vorkommen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Planet zusammengewachsen. Dampfschiffe und Eisenbahnen verbinden die letzten Winkel der Erde. Telegramme überqueren dank eines Spinnennetzes von Unterseekabeln in Minutenschnelle die Ozeane. Viele Zollschranken sind niedergerissen, und das weltweite Kapital strömt über alle Grenzen.

Die Welt kommt bis in die kleinste Arbeiterhütte

„Bis in die kleinste deutsche Arbeiterhütte erstreckt sich der Weltverkehr“, schrieb der deutsche Nationalökonom Paul Arndt 1913: „Wer sich nur ein wenig in seiner alltäglichen Umgebung umsieht, stößt überall auf Gegenstände, die ganz oder teilweise aus dem Auslande stammen.“ Dann ratterte er eine Liste alltäglicher Produkte herunter: Brot aus russischem, rumänischem, nordamerikanischem oder argentinischem Korn; Reis aus Ostindien; Kaffee aus Zentral- und Südamerika; Kleider aus ägyptischer Baumwolle oder australischer Wolle, die in England oder Frankreich produziert wurden, oder Glaswaren aus Österreich und Belgien.

Der Lebensstil der bürgerlichen Kreise unterscheidet sich von New York bis Bombay und von Kapstadt bis London kaum noch. „Ein Einwohner Londons konnte damals, während er in seinem Bett seinen Morgentee schlürfte, per Telefon die verschiedensten Produkte aus allen Teilen der Welt in jeder wünschbaren Menge bestellen, und er konnte sich darauf verlassen, dass diese Güter auch zur vereinbarten Zeit bei ihm abgeliefert wurden. Gleichzeitig konnte er ebenso seinen Reichtum in Rohstoffe und neue Unternehmen investieren und so problemlos rund um den Globus am Wachstum teilnehmen“, schrieb der britische Ökonom John Maynard Keynes.

Als der Brite im Jahr 1919 auf die Vorkriegszeit zurückblickte, war das globale Netz zerrissen. Erst Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts sollte nach zwei Weltkriegen die Weltwirtschaft wieder eine derartige Verflechtung erreichen. Wer heute, im Abstand eines Jahrhunderts darüber rätselt, wie sich die Welt blindlings in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges stürzen konnte, kommt an der Frage, warum die Globalisierung von damals den Frieden nicht retten konnte, nicht vorbei. Der schwäbische Unternehmer Robert Bosch blickte 1912 verständnislos auf den ersten Balkankrieg. „Ich bezahle lieber zehn Millionen Mark, wenn ich dadurch einen Krieg vermeiden kann ,“ sagte er. War nicht die Welt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich immer enger zusammengewachsen? Seit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges im Jahr 1871 hatte es in Mitteleuropa mehr als vierzig Jahre lang keinen großen militärischen Konflikt mehr gegeben.

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