Glücksatlas 2019 Zehn Tipps, wie man zum glücklichen Pessimisten wird

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Die Deutsche Post hat auch 2019 die Deutschen gefragt, wie glücklich sie sind. Wir stellen die Frage einmal andersherum: Wie nehmen wir das Leben trotz allen Unglücks leicht?

Philosophen, Dichter und Psychologen haben sich viele Gedanken gemacht, was Unglück ist und warum es (manchmal) besser ist unglücklich zu sein als glücklich. Wir zeigen Ihnen in zehn Schritten, wie das geht. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa 11 Bilder
Philosophen, Dichter und Psychologen haben sich viele Gedanken gemacht, was Unglück ist und warum es (manchmal) besser ist unglücklich zu sein als glücklich. Wir zeigen Ihnen in zehn Schritten, wie das geht. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Berlin/Stuttgart - Alle reden vom Glück – auch die Post. Zum neunten Mal hat die Deutsche Post DHL Group den „Glücksatlas“ herausgegeben. Wie schon in den letzten Jahren trotzen die Deutschen Flüchtlingskrisen, Terrorängsten und Kriegstrommeln.

Glaubt man dem „Glücksatlas 2019“ sind sie so glücklich wie nie – und werden immer glücklicher. Sie verdienen gut und haben (die meisten jedenfalls) ein gesichertes Leben. Die Menschen in Deutschland sind demnach wieder zufriedener mit ihrem Leben.

Nach zwei Jahren mit leicht sinkenden Werten sei 2019 ein „Glückssprung“ auf ein neues Allzeithoch gemessen worden, heißt es im neuen Glücksatlas. Auf einer Skala zwischen 0 und 10 bewerteten die Befragten ihre Zufriedenheit im Schnitt mit 7,14 Punkten – etwas mehr als im Vorjahr (7,05).

Deutsche sind so glücklich wie nie

Auch das Lebensglück der Menschen im Osten Deutschlands erreiche mit 7,0 Punkten einen Höchstwert, schreiben die Autoren um den Professor für Finanzwirtschaft Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg. Sie haben den Glücksatlas im Auftrag der Deutschen Post erstellt. Die Ost-Werte liegen demnach noch 0,17 Punkte hinter denen des Westens.

Die Gesamt-Entwicklung sei etwa der niedrigen Arbeitslosenrate, guten Lohnabschlüssen und der soliden Gesundheit der Bevölkerung geschuldet, heißt es in der Studie. Im Vergleich der deutschen Regionen sind Tabellenführer und -schlusslicht gegenüber 2018 unverändert: Die zufriedensten Menschen sieht der Glücksatlas in Schleswig-Holstein (7,44 Punkte), die unglücklichsten in Brandenburg (6,76).

Besser unglücklich als glücklich?

Jeder will, dass sein Leben gelingt und es glücklich ist. Obwohl jeder genau weiß, dass Glück nicht von Dauer ist und ein Unglück selten allein kommt. Irgendwann macht man die Erfahrung: Ist ein Wunsch erfüllt und das Streben befriedigt, wähnt man sich für kurze Zeit glücklich, doch schon bald kehrt der Drang nach mehr zurück.

Warum also drehen wir den Spieß nicht um und fragen etwas provokativ: Ist es nicht besser – hin und wieder – unglücklich zu sein? Wer mit einer gehörigen Portion Pessimismus durchs Leben geht, den werden Rückschläge nicht so schnell umhauen.

Wenn Geld glücklich macht, macht noch mehr Geld dann nicht noch glücklicher? Gesund zu sein ist ein Geschenk, doch dieser Zustand ist nicht von Dauer. Jeder wird einmal krank – und muss sterben. Dieses unvermeidliche Schicksal kann bedrohlich wirken und dem Genuss der einem verbliebenen Zeit im Wege stehen.

Lesen sie hier: Glück – Was ist das und wie findet man es?Das große Glück und die kleinen Dinge

Philosophen, Dichter und Psychologen haben sich ihre Gedanken gemacht, was Unglück ist und warum es manchmal besser ist unglücklich zu sein als glücklich. Wir zeigen Ihnen in zehn Schritten, wie das geht – ein glücklicher Pessimist zu sein:

1. Auch Unglück will gelernt sein

Die 1983 veröffentlichte „Anleitung zum Unglücklichsein“ des Wiener Psychologen Paul Watzlawick (1921-2007) ist ein Klassiker des Misanthropismus. „Unglücklich sein kann jeder; sich unglücklich machen aber will gelernt sein“, lautet Watzlawicks Maxime.

Doch von nichts kommt nichts. Das gilt auch für den Pessimismus, welcher der ständigen Übung bedarf. Watzlawicks Anleitung vermag jeden in tiefes Unglück stürzen, der sich fest an die Anti-Ratschläge hält, falls er es unbewusst nicht sowieso schon tut.

Tipp: Kosten Sie jeden der letzten schönen Herbsttage aus und tanken Sie neue Kraft und Energie, um vorzubeugen. Denn bekanntlich kommt ein Unglück selten allein.

2. Alles schwernehmen

„Was kann man nun von einem Menschen . . . erwarten?“, fragt der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski (1821-1881) in seinem Roman „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“. Man könnte ihn mit allen Erdengütern überschütten, ihm die Last des Krankwerdens und der Mühsal nehmen. Und doch wird er, der eigentlich glücklich sein müsste, sich für den Unglücklichsten aller Menschen halten.

Andererseits: Die Sorge ums tägliche Brot und Mühsal des Tages Last lassen den Menschen kaum Zeit, um über sein Unglück nachzudenken.

Tipp: Nehmen Sie sich Zeit und gönnen sich den Luxus, um ausgiebig über Ihr Schicksal nachzudenken. Dann werden Sie auch viel Gutes darin erkennen.

3. Wissen anhäufen

„Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen“, schreibt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Im ersten Teil seiner Tragödie „Faust“ lässt der Dichter sein Alter Ego Dr. Heinrich Faust akklamieren: „Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor . . . Es möchte kein Hund so länger leben!“

Tipp: Machen Sie es nicht wie Doktor Faust. Beschweren Sie Ihr Hirn nicht mit zu viel Unnützen, bis Sie den Wald voller Bäume nicht mehr sehen – sprich: Vor lauter Wissen den Durchblick vollends verlieren.

4. Den Glauben ablegen

Blaise Pascal (1623-1662) war wie nur wenige mit Geistesgaben gesegnet – und doch oder gerade deswegen tief unglücklich. „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, war der französische Mathematiker und Philosoph überzeugt.

„Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück will es, dass, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht“, schreibt er in seinen Tagebuchaufzeichnungen „Pensées“. Den am Leben Verzweifelnden rettete nur der Glaube an Gottes Barmherzigkeit. „Möge Gott mich nie verlassen“,waren seine letzten Worte auf dem Sterbebett.

Tipp: Lassen Sie nicht alle Hoffnung fahren. Bewahren Sie sich auch an trüben Tagen einen Rest Optimismus und Glauben, dass alles in ihrem Leben und der Welt am Ende gut ausgehen wird.

5. Hohe Ansprüche kultivieren

Arthur Schopenhauers (1788-1860) pessimistische Philosophie atmet den Geist der Verneinung und Verzweiflung. Die Welt ist für ihn ein „Jammertal“, voller Leiden und Glück nur Illusion. Unglück lässt sich nicht vermeiden, sondern nur auf ein Mindestmaß reduzieren.

„Um nicht sehr unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, dass man nicht verlange sehr glücklich zu sein“, lautet Schopenhauers Rezept. „Verneinung des Willens zum Leben allein kann uns erlösen, nicht der Selbstmord, der nur die individuelle Erscheinung des Allwillens vernichtet.“

Tipp: Wollen Sie glücklich sein, lesen Sie nicht zu viel von Schopenhauer. Sonst könnte dieser Oberpessimist Sie lehren, wie man in allem Lebensglück doch noch zu einem unglücklichen Menschen wird.

6. Vorbild: Unglücksrabe Hans Huckebein

Kennen Sie die Bildergeschichte „Hans Huckebein der Unglücksrabe“ von Wilhelm Busch (1832-1908)? „Gar manches ist vorherbestimmt; Das Schicksal führt ihn in Bedrängnis; Doch wie er sich dabei benimmt, Ist seine Schuld und nicht Verhängnis.“

Der gewitzte Rabe macht anderen das Leben schwer, klaut dem Spitz den Schinkenknochen, verdreckt Tantchens saubere Wäsche mit Heidelbeerkompott und säuft jedes Glas leer. Am Ende „aber naht sich das Malör“ in Gestalt von Likör. Huckebein endet kläglich, indem er sich mit dem Garn selbst stranguliert.

Tipp: Verscherzen Sie es sich nicht mit allen. Gehen Sie Ihren Mitmenschen nicht zu sehr auf die Nerven, sonst wird niemand mehr Sie mögen. Nichts ist in einer Pechsträhne so wichtig, wie sich auf andere verlassen zu können.

7. Auf die Ewigkeit setzen

Friedrich Nietzsche (1844-1900) glaubte sich vom Unglück verfolgt. Niemand könne ihm entrinnen, weil es jeden mit eisernen Griff umklammert hält. In seinem Buch „Also sprach Zarathustra“ schreibt der Dichter und Philosoph: „Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh –, Lust – tiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit –, – will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

Tipp: Lesen Sie nicht zu viel Nietzsche, sonst leidet Ihre Laune darunter. Auf die Ewigkeit zu setzen ist ein gewagtes, aber dennoch lohnendes Unterfangen. Sich nach Herzenslust auszutoben und seinen Trieben nachzugeben, wird irgendwann öde.

8. Früher war alles besser

Sind Sie ein Erinnerungsoptimist? Dann sind Sie sicher auch der Meinung, dass früher alles besser war. Generationen von Kindern mussten sich das Loblied der Erwachsenen auf die Vergangenheit anhören, wenn diese mal wieder ihr Unbehagen über die „Jugend von heute“ loswerden wollten.

Der Satz „Früher war alles besser“ wird dadurch nicht richtiger, dass er inflationär gebraucht wurde und wird. Er sollte besser lauten: „Früher war nichts besser, aber vieles anders.“

Tipp: Wollen Sie sich das Leben nicht vergällen, sehen Sie Früheres kritisch und freuen sich über Gegenwärtiges. Leben Sie im Hier und jetzt und das Schicksal wird es gut mit Ihnen meinen.

9. Den Humor verlieren

Die Welt verdankt dem großen bajuwarischen Humoristen Karl Valentin (1882-1948) einen dialektischen Humor sondergleichen. „Hoffentlich wird es nicht so schlimm wie es schon ist!“ – „Ich freue mich heute noch, dass es mir gelungen ist, den heutigen Tag noch zu erleben.“ – „Der Mensch is guad, de Leit’ san schlecht!“

Weisheiten wie wie diese vermögen das Leiden am Leben erträglicher zu machen. Unglücklich ist schließlich jeder. Es kommt immer darauf an, wie man damit umgeht.

Tipp: Lesen Sie ausgiebig Karl Valentins Werke, und Sie werden dem Unglück dieser Welt höhnisch ins Gesicht lachen.

10. Irrsinn des Lebens

Der amerikanische Theologe Harvey Cox (geboren 1927) ist vor allem bekannt geworden durch seinen Bestseller „Stadt ohne Gott?“ (1965). Darin formuliert er die bahnbrechende These, dass Gott in der säkularen Welt nicht weniger, sondern eher mehr gegenwärtig sei als in den Kirchen.

In seinem Buch „Das Fest der Narren – Das Gelächter ist der Hoffnung letzte Waffe“ (1969) beschreibt Cox, der an der Harvard Divinity University in Boston (Bundesstaat Massachusetts) lehrte, wie man den Wahnsinn des Alltags überstehen kann, ohne zum miesepetrigen Grantler zu chronifizieren.

Tipp: Wenn Sie sich trotz allem Glück oder Unglück Ihren Humor bewahrt haben und über sich selbst lachen können, wird Ihnen Ärger und Gram nichts anhaben können. Wie sagt Harvey Cox: „Wo Lachen und Hoffnung verschwunden sind, da hat der Mensch aufgehört, Mensch zu sein.“