Graffiti in Stuttgart Hauptbahnhof verwandelt sich in Kunstausstellung

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Das Kunstmuseum Stuttgart gibt mit der „Secret Walls Gallery“ einen Vorgeschmack auf seine Ausstellung zum Thema Wände – mit Graffiti im leer stehenden Bonatzbau.

Hier ist kein Durchgang mehr. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 11 Bilder
Hier ist kein Durchgang mehr. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Das kommt nicht alle Tage vor, dass Künstler ihren Namen nicht nennen wollen. Gewöhnlich treibt es sie ins Rampenlicht, weil Prominenz viel Wert ist. Aber auch sonst ist eigentlich alles ungewöhnlich an der „Secret Walls Gallery“, die das Kunstmuseum Stuttgart nun eröffnet hat. Denn die Direktorin Ulrike Groos hat Sprayer und Graffiti-Künstler eingeladen, sich in großem Stil auszutoben. Sogar in sehr großem. Gigantischer könnte der Ausstellungsraum kaum sein: Die Bilder werden im Hauptbahnhof präsentiert, in der leer stehenden Halle des Bonatzbaus. Eine grandiose Kulisse. Dort, wo einst auf Plakaten Werbung gemacht wurde, hängen nun gigantische Leinwände, die ein Mensch gar nicht allein tragen könnte. Manche Arbeiten wurden auch direkt auf die Wand gesprüht – wo es der Denkmalschutz zuließ.

Um eine solche Location wird mancher Kurator Moritz Vachenauer beneiden. Er selbst nennt es eine „Wahnsinnsgalerie“. Vachenauer ist Sprayer und hat für das Kunstmuseum die Kontakte in die Szene hergestellt. Er hat sein gesamtes Netzwerk aktiviert und schließlich 85 Kollegen gefunden, die in den kommenden vier Wochen direkt vor Ort in der Bahnhofshalle arbeiten werden. So haben die Passanten immer etwas zu sehen und die Ausstellung wächst kontinuierlich an. Am Ende werden es sechzig Bilder sein, die solange präsentiert werden, bis das Gebäude im Herbst für den Umbau geschlossen wird.

Für die Sprayer ist es ungewohnt, auf Leinwand zu arbeiten

Jack Lack ist einer der ersten Sprayer, die nun die Arbeit aufgenommen haben. Er feilt noch an seiner riesigen Würgeschlange, die, wenn das Bild fertig ist, einen Güterzug erwürgen wird. Ein Motiv, das zeigen soll wie „industrialisierte Kultur und Natur clasht“, sagt der 25-Jährige. Er hat in den vergangenen Jahren in den Niederlanden Psychologie studiert. „Im Moment bin ich aber Vollzeitmaler“, sagt der junge Mann, für den es eine ganz neue Erfahrung ist, auf Leinwand zu sprayen. Zum Pinsel hat er bisher nie gegriffen, braucht er auch nicht, weil er seine realistische Malerei dank verschiedener Düsenstärken sehr präzise hinbekommt. Vor allem mag er, dass Lack stärker strahle und leuchte, wie er sagt, und dass das Arbeiten schneller gehe als mit dem Pinsel. „Wenn es zu lang braucht, kriege ich die Krise.“

Jana hat sich einen Stuhl geholt, um Jack Lack bei der Arbeit zuzuschauen. Sie ist eine der gerade mal drei Frauen, die sich an der „Secret Walls Gallery“ beteiligen. An sich gebe es viele Sprayerinnen, meint die Jugend- und Heimerzieherin, aber viele würden Graffiti eher als Hobby betreiben und seien auch nicht so stark vernetzt. Umso mehr freut sie sich, zumindest an der „Hall of Fame“ mitwirken zu können. Gemeint ist eine Fläche, die alle gemeinsam nutzen können. „Man darf sich nicht ärgern, wenn drüber gegangen wird“, sagt Jana und findet es „cool, dabei zu sein.“

Viele Sprayer wollen anonym bleiben

Ende September wird das Kunstmuseum Stuttgart eine Ausstellung zum Thema „Wände/Walls“ eröffnen, aber der Kuratorin Anne Vieth wurde schnell klar, dass das Thema Wand nicht nur im herkömmlichen Kunstkontext interessant ist, sondern dass Graffiti „die Kunstform ist, die sich dezidiert mit Wänden auseinandersetzt“, wie sie sagt. Vieth und Moritz Vachenauer waren sich schnell einig, dass im Bonatzbau ein möglichst breites Spektrum an Sprayern zum Einsatz kommen sollte. So sind nun einige dabei, die schon in den Achtzigerjahren tätig waren, während andere erst seit ein paar Jahren sprayen. Wer sie alle genau sind, erfährt man in der Ausstellung allerdings nicht. Wer mag, kann sein Werk signieren, Marius Blum und Thomas Idler haben sogar Flyer ausgelegt, falls man sie buchen will. Das Gros aber will anonym bleiben, wie es in Sprayerkreisen nicht unüblich ist.

Ungewöhnlich ist für die meisten, dass sie nun auf Leinwand und damit letztlich für die Ewigkeit arbeiten. „Graffiti ist vergänglich“, sagt Moritz Vachenauer, „es ist der Witterung ausgesetzt und altert“. Für das Kunstmuseum ist es wiederum ungewohnt, dass eine Ausstellung so viele Besucher hat wie am Hauptbahnhof. Um die 150 000 Menschen liefen derzeit pro Tag durch die Bahnhofshalle, sagt der Bahnhofsmanager Nikolaus Hepting, der das Projekt möglich gemacht hat.

Tauben-Comic mit Witz

Was aus den Bildern werden soll, den plastischen Buchstaben oder der Montage dreidimensionaler Formen, ist noch offen. Die Arbeit von El Bebbe Grande, einem der prominentesten Teilnehmer, könnte man sich durchaus auch im Museum vorstellen. Seine drei Einzelbilder sind – passenden zu den munter durch die Halle flatternden Tauben – eine Art Comic über zwei Tauben, denen langweilig ist und die beschließen: „Let’s shit on some cars!“

Bis Ende August arbeiten die Sprayer vor Ort, danach sind die Werke bis zur Schließung der Stuttgarter Bahnhofshalle zu sehen.




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