InterviewTrinkwasserversorgung in Stuttgart-Vaihingen „Ein Pool ist nicht überlebensnotwendig“

Von Michael Werner 

Christoph Jeromin, der technische Geschäftsführer der Bodensee-Wasserversorgung, sieht den Klimawandel als Herausforderung für das Trinkwasser-Management. Das kann Konsequenzen für den Sommer im Garten haben.

In Corona-Zeiten sind Pools im eigenen Garten beliebt. Das wirkt sich natürlich auf den Wasserverbrauch aus. Foto: dpa/Patrick Pleul
In Corona-Zeiten sind Pools im eigenen Garten beliebt. Das wirkt sich natürlich auf den Wasserverbrauch aus. Foto: dpa/Patrick Pleul

Stuttgart - Christoph Jeromin, der technische Geschäftsführer der Bodensee-Wasserversorgung, kann Corona-Folgen am Trinkwasser-Verbrauch ablesen: Mehr Menschen als sonst halten sich im August in Baden-Württemberg auf. Ihm macht eine Muschel zu schaffen.

Herr Jeromin, wie wirkt sich Hitze auf den Wasserverbrauch aus?

Wir können das schön korrelieren: Wenn es wärmer ist als 15 Grad, nehmen wir eine steigende Wasserabgabe wahr. Je höher die Temperatur ist, umso höher ist auch die Wasserabgabe.

Wurde diesen Sommer mehr Wasser verbraucht als sonst, weil mehr Leute nicht in Urlaub gefahren sind?

Wir werden dieses Jahr aus zwei Gründen eine sehr gute Wasserabgabe haben: Wir hatten im April eine fast sommerliche Wasserabgabe – erklärbar durch den fehlenden Niederschlag in der klassischen Pflanzzeit. Und wir haben jetzt im August eine ungewöhnlich hohe Wasserabgabe: ungefähr eine bis anderthalb Millionen Kubikmeter über dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre, eine Steigerung um etwa zehn Prozent. Das führen wir darauf zurück, dass mehr Leute als sonst in Baden-Württemberg Urlaub machen beziehungsweise zu Hause geblieben sind.

Droht Wasserknappheit?

Nein, es droht keine Knappheit.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Trinkwasserversorgung aus?

Wir gehen davon aus, dass es in den nächsten Jahrzehnten durchaus Regionen in Baden-Württemberg geben wird, in die wir mehr Wasser liefern werden. Eine intelligente Steuerung des Netzbetriebes ist dafür erforderlich. Sollten im Masterplan Wasserversorgung des Landes Baden-Württemberg deutlich höhere Mehrmengen genannt werden, dann müsste man sich auch mit dem Thema beschäftigen, ob die Entnahmebewilligung aus dem Bodensee im Szenario 2050 ausreicht.

Gefährden extreme Niederschläge und Überschwemmungen die Trinkwasser-Qualität?

Wenn es in den Alpen Starkniederschläge gibt, dann haben wir am Rheineinlauf in den Bodensee natürlich einen erhöhten Trübestrom, also Sediment-Anteile, die in den Bodensee einströmen. Da gibt es Grenzwerte, die wir aber einhalten können. Was uns mehr Sorgen macht, ist das Auftreten der ursprünglich im Kaspischen Meer beheimateten invasiven Quagga-Muschel im Bodensee, die unsere Anlagen besiedelt. Deshalb haben wir eine Neukonzeption unserer Verfahrenstechnik in der technischen Prüfung.

Wie wollen Sie die Muschel aus Ihren Rohren fernhalten?

Wir schreiben momentan eine sogenannte Membranfiltrationsanlage als Planungsauftrag europaweit aus.

Abgesehen von dieser Muschel: Worin sehen Sie langfristig die größte Gefahr für die Trinkwasser-Versorgung?

Ich sehe schon die Herausforderungen aus dem Klimawandel. Die Interessen der landwirtschaftlichen Bewässerung und der Trinkwasserversorgung prallen zunehmend aufeinander. Das Land macht sich Gedanken, wie man mit den Wasserressourcen umgeht, und wie man zu einer Verteilung kommt, sodass den Belangen der Einzelnen Rechnung getragen wird.

Was steht da zur Debatte?

Ein Szenario, dass derzeit intensiv technisch durchgedacht wird, besteht darin, dass man sogenanntes Brauchwasser für landwirtschaftliche Bewässerung herannehmen kann, um kein Trinkwasser zu benutzen. Es wird auch über Regenwasser-Sammelbecken für die landwirtschaftliche Bewässerung nachgedacht. Und während der Corona-Pandemie haben sich ja viele Bürger kleine Pools in den Garten gebaut. Bei bestimmten Szenarien könnte es notwendig sein, dass man sagt; „Es dürfen keine Pools mehr gefüllt werden.“ Ein Pool im Garten ist im Vergleich zur landwirtschaftlichen Bewässerung nicht unbedingt überlebensnotwendig.




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