Jakobsweg Von oben kommt es überflüssig flüssig

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Beim Joggen nennt man es den Flow, den Fluss, wenn die Gedanken weggedacht sind und man nur noch Körper ist, der Schlaglöcher und die Steine fühlt, der den Wind spürt und die Sonne auf der Haut, der Füße voreinander setzt, während der liebe Gott die Kulissen der Landschaft vor den Augen vorbeischiebt. Da hinten ist man gewesen, da vorne wird man sein.

Ich erwache aus der Trance, als der Waldrand naht und ein Wolkenbruch hernieder geht. Mein Schirm stemmt sich tapfer gegen den Sturm, die Dornenranken reißen am Regencape, aber bald erreiche ich wie vom Reiseführer versprochen die Waldklause Henne. In dem holzverkleideten Beizle ist ein gutes Dutzend älterer Pfrondorfer ausgiebig damit beschäftigt, sämtliche politischen Probleme des Landes dauerhaft zu lösen, schade dass Winfried Kretschmann nicht da ist. Die weißhaarige Wirtin im Kittelschurz verkauft ein Bier und einen Kaffee für 3,60 Euro. Ob ich einen Pilgerstempel wolle, fragt sie. Nein, danke.

Bald habe ich es geschafft. Jetzt geht es ins Tal nach Bebenhausen, dem kleinsten Stadtteil Tübingens. Von oben kommt es überflüssig flüssig. Dann ragen die mächtigen Stämme des Schönbuchs auf, die Blätter halten das meiste Nass ab. Die letzten acht Kilometer. Schade, dass keine Zeit bleibt für das Kloster Bebenhausen, diese Ansammlung von gotischen Dächern und Türmen. Die Anlage ist ganz im Mittelalterlichen geblieben, Generationen von Klosterschülern haben sie mit Leben erfüllt.

Im Käsenbachtal schwelgten einst die Dichter

Am Gegenhang nach Tübingen hinauf hat sich eine Joggerin im Dickicht untergestellt und singt aus Leibeskräften gegen den Regen an. Ich sinne über die Steine nach, die halb behauen im Wald liegen. Waren sie Teile von Gebäuden?

Fremd komme ich in Tübingen an. Wie aus einer anderen Welt gehe ich mit Spaziergängern am Waldrand vorbei Richtung Stadtzentrum durch ein Tälchen, das zu Uhlands Zeiten noch Elysium hieß und jetzt ziemlich unpoetisch Käsenbachtal. Dort schwelgten die Dichter von Hölderlin bis Ottilie Wildermuth. Hier liegt der geografische Mittelpunkt des Landes, ein konischer Stein bezeichnet ihn, aber Insider wissen, dass es etlicher Berechnungen bedurfte, um den Stein tatsächlich genau hierhin zu rechnen.

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