Singende Politiker in Baden-Württemberg Warum der Landtag einen eigenen Chor hat

Von Siri Warrlich 

Manfred Kern aus Schwetzingen sitzt für die Grünen im Landtag. Vormittags Gesetzestexte, in der Mittagspause Weihnachtslieder – was das Singen für den Abgeordneten mit Politik zu tun hat.

Stuttgart - Die 104. Sitzung des Landtags von Baden-Württemberg beginnt um 9.34 Uhr. Es geht an diesem Tag Mitte November um die Zukunft des Handwerks im Land, um das „Gesetz zur Ausführung des Pflegeberufegesetzes“, um Biberschäden im Landkreis Schwäbisch Hall und um Kitas.

Die Abgeordneten befassen sich mit einem Bericht über europapolitische Themen. Sie debattieren, ob eine Verschärfung des Waffenrechts einem Generalverdacht gegen Waffenbesitzer gleich käme und sie lauschen den Ausführungen des Innenministers zur Kostenerstattung für die Flüchtlingsunterbringung. Auch das „Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz“ steht auf der Tagesordnung. Das Wort braucht im Protokoll fast drei Zeilen.

Bereits zur Mittagspause dürfte vielen der Kopf rauchen. Der Grünen-Abgeordnete Manfred Kern aus Schwetzingen verbringt die Pause im Raum der Stille des Landtagsgebäudes. Dort ist es zu dieser Zeit aber alles andere als still. Es ist ein Donnerstag. Donnerstags um 13 Uhr probt der Landtagschor.

Mamma Mia, Lalalalala

„Mamma Mia, Mamma Mia, Mamamamama“, trällern Kern und rund 15 andere Menschen in dem kleinen Raum zum Einsingen. Wer den Ton treffen möchte, muss den Körper aufwärmen. Die Sänger trappeln mit den Füßen, kreisen mit den Schultern, werfen die Arme in Luft. Dazu singen sie einfache Silben: „Lalalalala-Lalalalalaaa!“ oder „Aaaaaaaaaaaaaaa“.

Biberschäden, Kitas, Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz – hier unten im Raum der Stelle ist die Tagesordnung schnell vergessen. „Fühlen Sie sich eingesungen?“, fragt Chorleiterin Claudia Burkhardt. „Das klingt super!“

Seit 2013 hat der Landtag einen eigenen Chor. „Kurz nach der Landtagswahl 2011 wurde in einer Umfrage abgefragt, welche Interessen Abgeordnete und Mitarbeiter haben und welche Angebote der Landtag machen sollte. Dabei wurde breite Sangesfreude geäußert. Das Schöne daran: Der Wunsch nach einem Chor kam aus Politik und Verwaltung gleichermaßen“, sagt Kurt Schneider-Helling.

Der Mann ist Leiter des Protokolls im Landtag – und mit der Organisation des Chors betraut. Auch vor der Gründung habe bei der Weihnachtsfeier des Landtags meist eine kleine Gruppe gesungen, erinnert sich Schneider-Helling. „Aber durch einen eigenen Chor hat das Ganze ordentlich an Qualität und Wahrnehmung gewonnen.“ Die Auftritte bei Weihnachtsfeier und Sommerfest sind für den Chor die wichtigsten Termine im Jahr.

Kern ist der einzige Abgeordnete im Chor

An diesem Donnerstag werden fast ausschließlich Weihnachtslieder geprobt. Kurt Schneider-Helling steht neben dem Abgeordneten Manfred Kern und zieht beim Einsingen Grimassen. Mitarbeiter von Abgeordneten, aus der Verwaltung und Abgeordnete selbst singen im Chor gemeinsam – so weit der Plan. Derzeit ist Manfred Kern von den Grünen jedoch der einzige Abgeordnete. Ein, zwei andere haben zwischendurch mal reingeschaut. Kern war von Anfang an dabei und blieb. Seit 2011 sitzt der 60-Jährige im Landtag.

„Gloooory be to the father“, singt er nun mit tiefer Stimme. Der Grünen-Abgeordnete ist Bariton, die mittlere Stimmlage bei den Männern. Im Landtagschor singt Kern allerdings in der Regel die Tenorstimme. Singen ist für den Mann politisch. „Singen berührt den Menschen. Und auch Politik geht um den Menschen“, sagt Kern. „Ein Mensch, der singt, kann mehr Empathie entwickeln. Dadurch bin ich offener für meine Leute im Wahlkreis.“ Außerdem geht es für Kern bei den Proben darum, gemeinsam Hürden zu überwinden– etwa, wenn die Männerstimme ein Stück nicht gut hinbekommt. „Hier sind zum Beispiel Menschen aus der Datenschutzabteilung, oder Leute, die bei einem CDU-Kollegen arbeiten. Wir lösen gemeinsam Probleme, was sich dann vielleicht auch auswirkt auf die politischen Lösungsansätze, die man braucht.“

Trauen sich andere Abgeordnete nicht?

Chorleiterin Claudia Burkhardt stimmt das nächste Lied an. „Seite acht oben“, sagt sie. Ab und an hebt sie während des Klavierspielens die Hand, um den Sängern ihren Einsatz anzugeben. „So laufet ihr Hirten, lauft aaalle herbei“, singt der Chor.

Manfred Kern lobt die Chorleiterin. Selbst zu „blutigen Laien“ sei sie lieb und nehme jeden auf, wie er ist. „Böse Menschen haben keine Lieder“ – für Kern trifft das Sprichwort auf den Landtagschor voll und ganz zu. Ein paar mehr Kollegen, also Abgeordnete, würde er sich im Chor aber schon wünschen. Keine Lust? Keine Zeit? Kern vermutet etwas anderes. „Man exponiert sich – nicht mit politischen Reden, sondern über etwas Privates. Singen ist doch eine sehr emotionale, seelische Angelegenheit. Und ich glaube, da gibt es ein paar Hemmungen.“ Sein Appell an die restlichen 142 Landtagsabgeordneten: In sich gehen und die Unsicherheit überwinden.

Ausgleich zu „trockenen Plenardebatten“

Im Raum der Stille ist die Chorprobe für diesen Tag zu Ende gegangen. Kurt Schneider-Helling sammelt die Notenbücher ein. Das Zimmer leert sich. Nach der Mittagspause geht es im Plenarsaal unter anderen um: den Verkehrsverbund Schwarzwald-Baar und wie er gestärkt werden könnte, die Verbesserung der Verkehrsqualität durch den Ausbau der Enztalquerung und um ein Gesetz zur Errichtung des Forums Frühkindliche Bildung in Baden-Württemberg.

Weihnachtslieder haben Manfred Kern für die zweite Tageshälfte gewappnet. Noch so ein Grund, warum er den Chor mag: als Ausgleich zu „den meistens doch relativ trockenen Plenardebatten“, wie der Abgeordnete sagt.