Anwohner berichten von Vermummten, die sich nachts vor der Polizei im Gebüsch verstecken, nachdem sie Insassen ihre Solidarität bekundet haben.

Aus den Stadtteilen : Cedric Rehman (cr)

Stammheim - Einmal pro Woche hört Sandra Maier Feuerwerkskörper vor ihrem Haus in Stammheim unweit der Justizvollzugsanstalt (JVA) knallen. Unbekannte rennen an ihrem Grundstück vorbei. „Das passiert immer zwischen 22 und 24 Uhr in der Nacht und unser Kind wird davon wach“, sagt Maier. Sie will ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Ganz geheuer sind ihr die Unbekannten nicht, die sich nachts vor ihrem Haus herumtreiben. „Ich gehe abends nicht vor die Tür“, sagt sie.

Die Stammheimer Bezirksvorsteherin Susanne Korge nennt das nächtliche Treiben in der Wohngegend unweit der JVA ein „Katz-und-Maus-Spiel“. Sie wohnt selbst unweit der Anstalt und berichtet von unheimlichen Szenen in der Dunkelheit. „Nachts sind schwarz vermummte Gestalten unterwegs. Sie verstecken sich im Gebüsch oder auch auf Spielplätzen, wenn die Polizei eine Streife vorbeischickt“, erzählt sie. Bei Begegnungen etwa mit Anwohnern, die mit ihrem Hund Gassi gehen, verhielten sich die Maskierten bisweilen aggressiv, fügt die Bezirksvorsteherin hinzu.

Rufe hallen durch die Nacht

Bevor die schwarz vermummten Gestalten in das Wohnviertel ausschwärmen, stören sie die Nachtruhe der Anwohner mit Rufen in Richtung JVA oder brennen Feuerwerkskörper ab. „Es geht zum einen um den Lärm, aber auch um die Sicherheit der Anwohner“, meint Susanne Korge.

Die Kontaktaufnahmen sind illegal und können mit einem Bußgeld geahndet werden. Die Polizei bestätigt, dass sie seit Monaten mehrmals pro Woche eine Streife an die JVA schickt, weil Anwohner Lärmbelästigungen melden. „Teilweise handelt es sich dabei um Solidaritätsbekundungen von außerhalb“, bestätigt ein Sprecher der Polizei.

Sympathisanten versammeln sich

Ein Sprecher des Landesverfassungsschutzes erklärt, dass solche Aktionen bei Links- und ausländischen Extremisten üblich seien. Er verweist auf den alljährlichen „Knastspaziergang“ von Sympathisanten am 31. Dezember. „ Auch in diesem Jahr kam es aufgrund der vorübergehenden Inhaftierung eines Linksextremisten im Zusammenhang mit einem versuchten Tötungsdelikt am 16. Mai 2020 in Stuttgart mehrfach zu Solidaritätsaktionen“, erklärt der Sprecher.

Doch nicht nur das Verhalten von Menschen außerhalb der JVA verärgert Anwohner. Bezirksvorsteherin Korge berichtet, dass der tägliche Lärm aus der Haftanstalt zunehmend störe. Seit dem viele Menschen wegen der Coronapandemie von zu Hause arbeiten, erreichten vermehrt Klagen das Stammheimer Bezirksrathaus, schildert Korge. An den Wochenenden sei tagsüber besonders viel Lärm zu hören. „Wenn plötzlich Schreie zu hören sind, kann das Kinder verstören“, meint die Bezirksvorsteherin.

Schreie erschrecken Kinder

Korge macht den 2017 an die JVA übergebenen Neubau mit vier Geschossen und einer Fläche von 10 000 Quadratmetern als Lärmquelle aus. Das neue Gebäude sei so gelegen, dass der Wind den Lärm in Richtung Wohngebiet lenke.

Haftanstaltsleiter Matthias Nagel weiß um die Klagen der Anwohner. „Ich habe deshalb schon mehrere Gespräche mit der Bezirksvorsteherin geführt“, sagt er, „die Anwohner werden leider in die Zange genommen von uns und dem Lärm vom Containerbahnhof in Kornwestheim“.

JVA engagiert Sicherheitsdienst

Den Mitarbeitern der JVA seien rechtlich die Hände gebunden, gegen illegale Kontaktaufnahmen von außerhalb der Anstalt vorzugehen. „Das darf nur die Polizei“, erklärt Nagel. Die JVA hat seit Beginn des Jahres einen Sicherheitsdienst beauftragt, lautstarke Sympathisanten vor der Anstalt auszumachen und dann die Polizei zu informieren. „Viele verschwinden aber einfach über einen Fußweg an der Bundesstraße 27a“, sagt der JVA-Leiter. Laut Angaben des Justizministeriums soll der uniformierte Wachdienst dauerhaft präsent vor der Anstalt mit ihren 650 Insassen bleiben. „Es wurden bereits Personalien festgestellt, Platzverweise ausgesprochen und Anzeigen wegen Verstößen gegen Paragraf 116 Ordnungswidrigkeitsgesetztes erstattet“, erklärt ein Sprecher des Ministeriums.

Doch die Anwohner klagen eben nicht nur über den Lärm von außerhalb der Haftanstalt. Anstaltsleiter Matthias Nagel räumt ein, dass es nicht immer gelinge, krakeelende Insassen innerhalb der Anstalt zur Räson zu bringen. Gerade nachts oder an Wochenenden sei das Personal im Dienst reduziert, erklärt der JVA-Leiter: „Wir reagieren darauf, wenn wir feststellen, aus welcher Zelle geschrien wird.“

Akustiker soll Lösungen erarbeiten

Laut dem Anstaltsleiter soll ein Akustiker klären, ob zusätzlicher Schallschutz den Anwohnern zu mehr Ruhe verhelfen kann. Nagel hat daran aber Zweifel. „Das Gebäude hat ja vier Stockwerke. Ich weiß nicht, ob wir eine so hohe Mauer bauen wollen“, sagt er.

Bezirksvorsteherin Korge berichtet von Anwohnern, die aufgrund der Störungen über einen Wegzug nachdenken. Sandra Maier und ihre Familie wollen in Stammheim bleiben: „Es ist eine schöne Gegend, nur das Geböller nervt halt.“

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