Vom Wein gab es früher mehr als genug in Stuttgart. Ein Großteil der Stadtfläche diente dem Anbau. Zur Württembergischen Weinmeisterschaft unserer Zeitung blicken wir darauf zurück, wie alles begann in unseren Breiten mit Reben und Trauben.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)

Stuttgart - Im Wappen von Stuttgart steigt das Pferd mit wehender Mähne und erhobenem Schweif in die Höhe, ohne Sattel und Zaumzeug. Dieses Energiebündel auf ver Hufen symbolisiert die rasante Entwicklung einer Stadt, die – so steht’s in den meisten Chroniken geschrieben – als Stutengarten des Herzogs um 950 ihren Anfang nahm. Verdankt die Kesselstadt also dem Rössle seinen Aufstieg und Wohlstand? Nicht ganz! Einige Historiker sagen, Stuttgart stamme in Wahrheit vom Stockgarten ab, vom Weinstock in einer vom Weinbau geprägten Ansiedlung.

„Wenn man in Stuttgart nicht einsammelte den Wein, würde die Stadt bald in Wein ersäufet sein“, hat im Mittelalter ein Stadtkenner notiert. Nicht die Pferdezucht hat Stuttgart reich gemacht, sondern die Vielzahl der Rebstöcke, die an den Hängen wuchsen, auf denen heute Traumvillen mit Traumaussicht stehen. Es gab eine Zeit, da haben sich Wengerter ihren Grundbesitz vergolden lassen, indem sie ihre Hänge an Häuslebauer verkauft haben, kaum, dass man die Rebflächen zu Bauplätzen machen konnte.

Römischer Wein war mit Honig gesüßt

Wer das 1979 eröffnete Weinbaumuseum in Uhlbach besucht, wird staunen beim Vergleich der Stadtpläne von einst und heute. Einst war Stuttgart eine fast einzige Anbaufläche von Wein. Aber auch heute reichen Rebstöcke noch bis zum Hauptbahnhof hinab und über die Weinsteige bis in Zentrum. Keine andere Großstadt kann so etwas bieten. Auf lehmigem Ton und Keuper gedeiht ein Stück Toskana am Rande des Talkessels. Es gab Zeiten, da war im wasserarmen Stuttgart häufig mehr Wein als trinkbares Wasser vorhanden. Der Rebensaft war billiger als Trinkwasser.

Auf die Römer geht der Weinbau in Stuttgart zurück. Was die Eroberer in die Gläser und Flaschen geschüttet haben, würden die Weinkenner von heute sofort wieder ausspucken. Der Römerwein war gepanscht, mit Wasser verdünnt, mit Honig gesüßt und mit Gewürzen schlimmer als beim Glühwein verändert. Obendrein wurden Flaschen mit Olivenöl abgedichtet. Das milde Klima des Neckartals, so lesen wir auf den Schautafeln des Weinbaumuseums Uhlbach, sorgt für günstigen Wachstum. Allerdings habe die Kessellage die Gefahr durch Hagelschlag erhöht. Trotzdem lagen die Weinerträge früher um das Zehnfache höher als das von heute.

Die Rebflurbereinigung sollte wirtschaftliches Arbeiten ermöglichen

Der Dreißigjährige Krieg hat in Stuttgart bis zu Dreiviertel der Weinberge vernichtet. Der Wein geriet in Konkurrenz zu Bier und Most. Reblaus und Pilzkrankheiten vernichteten große Beständen der Rebflächen. 1825 ist deshalb die „Gesellschaft für die Weinverbesserung in Württemberg“ gegründet worden, deren Ziel es war, den Niedergang des einst dominierenden Broterwerbs mit Musterweinbergen, Edelreben und reblaus-resistenten Sorten zu stoppen. Mit der zunehmenden Industrialisierung in Stuttgart ging die Bedeutung des Weinanbaus und deren Flächen in der Stadt immer weiter zurück.

Viele Jahrzehnte später half die Rebflurbereinigung, wirtschaftliches Arbeiten auch in steilen Lagen zu ermöglichen. Der Trollinger dominierte und wurde zum Inbegriff des schwäbischen Viertele. Ein bezahlbares Alltagsgut sei er, hört man immer wieder, so wichtig für Schwaben „wie Muttermilch“.

Selbst die „New York Times“ lobt den Trollinger

Typisch für die Rebsorte, mit der etwa 20 Prozent der Anbaufläche in Württemberg belegt ist, sind große Trauben. Dieser üppige Wuchs gehöre, wie die Trollinger-Hasser finden, an den Obststand und nicht in die Flasche. Ehrgeizige Winzer tun alles, um aus der regionalen Spezialität mehr herauszuholen. Sie wollen dem Klassiker Charakter, Tiefe und Niveau geben, um zu zeigen, wie unterschätzt er ist.

Als der Stuttgarter Winzer Hans-Peter Wöhrwag 1990 den Weinberg von seinen Eltern übernahm, wuchsen dort auf sechs Hektar die Trauben für den Trollinger, heute sind es nur noch 0,8 Hektar. Die Riesling-Fläche hingegen baute er aus, weil der Trend bundesweit zu edlerem Wein geht. „Die Leute trinken weniger, dafür aber besseren Wein“, sagt Wöhrwag. Den Weinhändler Bernd Kreis hat man als „Trollinger-Mörder“ bezeichnet, weil er die Ansicht vertrat, der Trollinger schade dem Image des schwäbischen Weinbaus. Seine Trauben verlangen nach Sonne in Steillagen. Um Mehrkosten für die aufwendige Bewirtschaftung auszugleichen, setzten viele Winzer auf Masse - sie holten so viel Ertrag wie möglich raus auf Kosten der Qualität. Das hat sich massiv geändert. Selbst die „New York Times“ hat jüngst den Trollinger aus Württemberg in den höchsten Tönen gelobt.

Schwaben widersetzen sich dem Klischee der freudlosen Bruddler, sind mit Selbstbewusstsein und Leidenschaft bald führend im Land. Und gleichzeitig sorgt der Klimawandel dafür, dass Rotweine immer besser werden und es Weißweine in unseren Breiten immer schwerer haben.

Backpulver hilft gegen Pilze und Schädlinge

Trotz aller Euphorie über die wachsende Qualität der Weine aus Württemberg wird es immer schwerer, von einem Weingut ordentlich leben zu können. Der Preis fällt. Wer bei Genossenschaften abliefert, bekommt gerade in schwierigen Weinjahren wie diesem 2021 so wenig, dass sich der Anbau kaum noch lohnt, wenn man den enormen zeitlichen Aufwand über das ganze Jahr hinweg in Stundenlohn umrechnen würde.

Stuttgart hat nicht nur Weinberge bis ins Zentrum als Alleinstellungsmerkmal im bundesweiten Städtevergleich, sondern auch ein städtisches Weingut. Timo Saier führt seit 2016 diesen kommunalen Betrieb. Trotz innovativen Elans schreckt der 41-Jährige vor schwäbischen Klassikern wie dem Trollinger-Lemberger nicht zurück, den er freilich neu interpretiert. Für biologischen Pflanzenschutz steht der Diplom-Önologe. Das Verbot von Glyphosat hat er aus Überzeugung umgesetzt. Backpulver, nicht aus kleinen Tütchen, sondern aus 20-Kilo-Säcken, sind – in Wasser aufgelöst – eines seiner Mittel gegen Pilze und Schädlinge. Der Erfolg gibt ihm recht.

Weil so viele an einem Strang ziehen, trotz gelegentlicher Konkurrenzkämpfe, ob in Genossenschaften oder in eigenen Weingütern, weil sie Tradition mit Zukunft verbinden, und weil obendrein die Temperaturen südländisch steigen, finden Genießer in Württemberg ihr Glück. Mit Spannung wird nun erwartet, wer beim Finale der Weinmeisterschaft unserer Zeitung am 12. Dezember vorne liegt! Die Vorrunden haben bereits gezeigt, dass Großes zu erwarten ist.

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