Stuttgart-Album zur Radiohaus-Legende der Königstraße Altes Foto von der Lerche sorgt für Nostalgie

Dieses Foto  von der unteren Königstraße mit der Lerche ist vermutlich Ende  der 1970er oder Anfang der 1980er entstanden. Foto: Sammlung WIbke Wieczorek 12 Bilder
Dieses Foto von der unteren Königstraße mit der Lerche ist vermutlich Ende der 1970er oder Anfang der 1980er entstanden. Foto: Sammlung WIbke Wieczorek

17 Jahre ist es her, dass die Lerche für immer schließen musste. Ein altes Foto des Musikhauses von der Königstraße in Stuttgart geht nun viral und sorgt für Nostalgie.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Zehntausendfach geklickt, eifrig kommentiert und mit Vergnügen geteilt: Die Lerche, die es einst als größtes Radio- und Fotohaus Süddeutschlands auf drei Standorte an der Königstraße brachte, löst auch heute noch starke Emotionen aus. „Seufz, ich krieg Nostalgieanfälle“, schreibt etwa Beate Eckert im Facebook-Forum des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album, als sie dort ein Foto der unteren Lerche gesehen hat. Allzugern blickt sie zurück: „In der Lerche haben der Junge, in den ich mit 14 Jahren verliebt war, und ich uns im Gedränge unauffällig annähern können und ein ganz schüchternes Händchenhalten gewagt.“

Erinnerungen an die Lerche sind fast so schön wie Erinnerungen an die erste Liebe.

Ein Foto aus der Kartensammlung von Wibke Wieczorek, das die untere Lerche der späten 70er oder vom Anfang der 80er zeigt, geht seit einigen Tagen viral. Man sieht die Königstraße mit Passanten und Bäumen. Der Verkehr war zu dieser Zeit schon verschwunden. Seit 1978 ist die Einkaufsmeile in diesem Bereich komplett straßenbahnfrei. Ein Herr im Anzug schaut nach unten auf seine Hände, als habe es bereits schon Smartphones gegeben.

Lerche-Verkäufer verdiente 1075 D-Mark brutto plus Prämie

Klaus Chopper schreibt: „Die Lerche war meine zweite Heimat. Jeden Monatsanfang, wenn es Kohle gab, war ich drinnen und hab’ immer die neuesten Heavy-Metal-Alben gekauft. Okay, Queen, Lindi und Nena waren auch dabei.“ Ein anderer User schickt seinen Anstellungsvertrag als Lerche-Verkäufer. 1980 hat er angefangen für 1075 D-Mark brutto. Eine Umsatzprämie von ein Prozent Brutto kam hinzu sowie Essensgeld in Höhe von 33 D-Mark.

Warum die Lerche Lerche hieß? Weil der Vogel mit diesem Namen so schön singt? Nein, es lag an Albert Armin Lerche. Der Geschäftsführer des EM-Filmtheaters wollte sich ein zweites Standbein schaffen und eröffnete am 4. September 1959 einen kleinen Schallplattenladen im Marquardtbau. 1962 folgte seine zweite Lerche an der Königstraße 10c. Zwei Jahre später übernahm der Chef das 250 Quadratmeter große Stockwerk darüber, in dem sich das Café Mozart befand.

Zum Mailänder Toast suchte man seine Platten aus

„Für ein reines Schallplattengeschäft schien mir das Risiko auf dieser zusätzlichen Fläche zu groß“, erinnerte sich Lerche später, „deshalb war die Schallplattenbar geboren.“ An 16 Tischen mit 64 Abhörstellen konnten die Gäste einen Mailänder Toast bestellen und dazu Platten aussuchen.

Ohne Klimaanlage liefen im Sommer mit den Plattenspielern die Menschen heiß. Es war die Zeit, als der Einzelhandel noch familiengeführt auf der teuersten Meile der Stadt Gewinne abwarf. 2004 nannte die Firmenleitung „Konsumträgheit, Euro-Umstellung und Umsatzeinbrüche im Preiskampf gegen Media-Märkte“ als Gründe für die Insolvenz.

Die Lerche glich einem verwunschenen Ort

Massen von jungen Leuten hatte es in den Jahrzehnten davor in ein verwinkeltes, von außen schmuckloses Gebäude an der oberen Königstraße gezogen. Für viele das Paradies. Die Lerche glich einem verwunschenen Ort, an dem Generationen von Stuttgartern ihr Gehirn abschalteten und ihr Konfirmandengeld los wurden. Es ging einen schmalen Aufgang hinauf, wo sich die Großen die Köpfe anschlugen. Man tauschte sich aus mit Verkäufern, die weiße Arztkittel trugen, die sie auch bei größter Hitze nicht ablegen durften.

Wer eingekauft hatte, trug seine Beute stolz nach Hause in bunten Plastiktüten. Damals waren die Tonträger so groß wie eine Pizza. Entsprechend fielen die Tüten mit dem Lerche-Logo auf. Bereits in der Straßenbahn musste man reingreifen, um das Cover herauszuholen. Beim Online-Streamen von heute gehen die Schätze einer Covergestaltung verloren. Das Internet stürzte die Musikindustrie von einer Revolution zur nächsten, was letztendlich auch die Lerche verstummen ließ.

„In der Lerche war es schöner als in der Vorlesung“

Die Erinnerungen an die ersten Singles für 4,90 Mark bleiben, an den ersten Walkman und an geschwänzte Schulstunden. Peter Karr erinnert sich auf der Facebook-Seite des Stuttgarter Albums: „Etwa da, wo der gelbe Sonnenschutz bei der Lerche war, konnte man anfangs noch etwas zu trinken bestellen und sich eine LP zum Anhören auflegen lassen. Das war immer eine schöne Abwechslung. Eigentlich hätte ich zu dieser Zeit in der Vorlesung sitzen müssen, aber bei Lerche war es viel schöner und angenehmer.“

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