Tempolimit in Kirchheim am Neckar Auf der Bundesstraße gilt jetzt Tempo 30

Von Susanne Mathes 

Von einer Umgehung träumt Kirchheim am Neckar schon lange. Lärm und Schmutz treiben manchen Anlieger der B 27 fast zur Verzweiflung. Jetzt soll zumindest etwas Entlastung her: Auf der stark befahrenen Bundesstraße müssen Fahrer jetzt runter vom Gas.

Mehr als 20 000 Autos und Lastwagen fahren pro Tag durch Kirchheim – teils sehr eng an der Wohnbebauung vorbei. Foto: factum/Simon Granville 9 Bilder
Mehr als 20 000 Autos und Lastwagen fahren pro Tag durch Kirchheim – teils sehr eng an der Wohnbebauung vorbei. Foto: factum/Simon Granville

Kirchheim am Neckar - Wenn die Sattelzüge in Armeslänge an einem vorbeidonnern, bekommt man als Passant an den Kirchheimer Engstellen Beklemmungen. Aber dort gehen nicht nur Passanten vorbei. „Dort wohnen Menschen“, das kann Rolf Riecker von der Bürgerinitiative „B 27 raus aus Kirchheim“ gar nicht oft genug betonen. Die Lärm- und Schmutz-Belastung sei katastrophal, die Straße brandgefährlich. Und was den Wert der Häuser angehe, brauche man sich nichts vorzumachen: „Wer kann, zieht weg. Aber finden Sie mal wen, der Ihnen dort ein Haus abkauft!“

In der 6000-Einwohner-Gemeinde, die täglich von etwa 20 000 Lastwagen und Autos durchfahren wird, gibt es jetzt zumindest etwas Entlastung: Seit dieser Woche gilt auf der B 27 innerorts Tempo 30. Bürgermeister Uwe Seibold sieht darin immerhin einen „gewissen Durchbruch“; der Gemeinderat verkämpfte sich schon lange dafür. Jetzt gab das Landratsamt grünes Licht für die Verkehrsberuhigung. „Die Kirchheimer sind dankbar für jede kleine Erleichterung und jeden zusätzlichen Fußgängerüberweg“, kommentiert Seibold. Dass eine echte Lösung für den Ort, durch den die Bundesstraße teils kurvenreich und eng an Wohnhäusern vorbei führt, einzig in einer Umfahrung liege, sei dennoch klar.

Deutlich zu laut

Die Lage ist für viele Kirchheimer extrem belastend: An Teilen der B 27, so ergab vergangenes Jahr ein Gutachten des Karlsruher Büros Koehler und Leutwein, werden die Immissions-Grenzwerte ganztägig überschritten. „20 Prozent der Einwohner sind hohen Immissionen durch Verkehrslärm ausgesetzt, fünf Prozent gesundheitsgefährdenden Immissionen“, heißt es im Gutachten. Und obwohl auf gewissen Abschnitten im Ortskern nachts bereits Tempo 30 gelte, sei es oft immer noch deutlich zu laut. Die Lärmschadenskosten beziffert das Büro mit 145 000 Euro pro Jahr.

Im Herbst 2019 hatte der Gemeinderat einen fortgeschriebenen Lärmaktionsplan beschlossen, um Verbesserungen zu erreichen. Nun also ganztätig Tempo 30 auf der Bundesstraße – und auf der auf sie zuführenden, abschüssigen Brackenheimer Straße. Außerdem kommt Tempo 40 auf der ebenfalls stark befahrenen Straße in Richtung Hohenstein. Bauliche Verkehrsberuhigungen sind unter anderem in der Hauptstraße vorgesehen – jedoch erst, wenn ein größeres Bauprojekt gegenüber dem Rathaus fertig ist.

Die Sorge, dass es immer schlimmer wird

Die Bürgerinitiative sieht in den Neuerungen einen „ersten Schritt“, erwartet aber auch behördliche Rückmeldung zu Forderungen nach Schallschutzfenstern, Flüsterasphalt oder einer Umleitung des Schwerlastverkehrs. Die Initiative befürchtet zudem, dass die neue Regelung den Schleichverkehr verstärken könnte.

Damit nicht genug der Sorgen: Die Kirchheimer befürchten, dass aus wachsenden Gewerbegebieten im Zabergäu immer mehr Lastwagen den Ort auf dem Weg zur A 81 durchqueren werden. Und dass die Landesstraße zwischen Backnang und Mundelsheim zur dreispurigen Bundesstraße 29 ausgebaut werden soll, könnte – so die Sorge – weiteren Verkehr aus dem Osten nach Kirchheim leiten, weil die ausgebaute Strecke die Fahrzeuge nicht nur flüssiger zur A 81, sondern auch über die Autobahn hinaus durch Kirchheim in Richtung Heilbronn bringen würde.

Fehlt der politische Wille?

„Wir brauchen die Umgehung“, sagt Rolf Riecker. „Bei uns ist die Bundesstraße keine breite Schneise wie die Stuttgarter Theodor-Heuss-Straße, wir haben eine Extremsituation.“ Zwar haben sich unter anderem der CDU-Bundestagsabgeordnete Eberhard Gienger und Steffen Bilger, CDU-Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, die Lage vor Ort angeschaut. Doch Hoffnungen, dass sich in absehbarer Zeit Perspektiven für eine Ortsumfahrung auftun, haben die Politiker den Kirchheimern nicht gemacht. „Gebaut wird woanders. Und das manchmal in Kommunen, die lang nicht so schlimm dastehen wie Kirchheim“, ärgert sich Riecker. Offensichtlich fehle der politische Wille, für eine echte Entlastung zu sorgen.

Ob sich Auto- und Lkw-Fahrer die neue Tempobeschränkung zu Herzen nehmen, muss sich weisen. Bürgermeister Seibold hofft auf die abschreckende Wirkung von Blitzern und auf Kontrollen. Das Limit gilt ab der Kreuzung beim Lidl-Markt, wo im Februar 2018 eine Seniorin beim Versuch, die B 27 zu überqueren, von einem Baustellenfahrzeug überrollt und getötet wurde. Inzwischen gibt es dort eine Fußgängerampel.

Info Weit entfernt:
Eine Umgehung würde den Ort um mehr als 60 Prozent Verkehr entlasten, schätzt das Büro Koehler und Leutwein. Auf eine Kirchheimer Anfrage schrieb das Verkehrsministerium 2019: „Es ist nicht davon auszugehen, dass Land und Bund absehbar eine Ortsumfahrung verfolgen werden.“ Ob sie es in den Bundesverkehrswegeplan 2030 schafft? „Wir versuchen es wieder. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber es gibt sehr viele konkurrierende dringliche Projekte im Land“, so Uwe Seibold.

Näher dran
: Auch in Vaihingen-Enzweihingen hofft man auf eine Umfahrung der B 10 – und ist weiter als in Kirchheim. Kürzlich war der Erörterungstermin. Der Planfeststellungsbeschluss könnte noch Ende dieses Jahres gefällt werden.




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