Stuttgart Sportvereinen drohen Kürzungen

Die Kürzungen im städtischen Sportetat treffen vor allem den Trainingsbetrieb im Kinder- und Jugendbereich. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Die Kürzungen im städtischen Sportetat treffen vor allem den Trainingsbetrieb im Kinder- und Jugendbereich. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Vor den Etatberatungen im Herbst wehren sich der Sportkreischef Fred-Jürgen Stradinger und der Sportbürgermeister Martin Schairer gegen die geplanten Streichungen in der Vereinsförderung. Sie fordern mehr Zuschüsse.

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Stuttgart - Ermutigt durch das Geständnis von Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), es wäre ein Fehler gewesen, bei der Bepflanzung von Blumenbeeten im Höhenpark Killesberg zu sparen, hofft der Sportkreisvorsitzende und CDU-Stadtrat Fred-Jürgen Stradinger auf eine vergleichbare Reaktion im Sportbereich. Einsicht täte auch aus Sicht der Fachverwaltung (Bürgermeister Martin Schairer und Amtsleiter Günther Kuhnigk) not. Bekanntlich sieht der OB in einer – vorerst vertagten Vorlage – Kürzungen als geeignete „Maßnahmen zur strukturellen Verbesserung des Haushalts“ an.

So soll der Gemeinderat auf Vorschlag der Verwaltung den Vereinen eine 15-prozentige Erhöhung der Miete für Sportstätten auferlegen. Das würde 115 000 Euro Mehreinnahmen bringen. 22 750 Euro ergäbe die Schließung einer von zwei Hallen der Eiswelt auf der Waldau während sieben Wochen in der Vor- und Nachsaison. Zudem soll in den Hallenbädern in Bad Cannstatt und Plieningen der letzte öffentliche Badetag gestrichen werden. Dem Feuerbacher Bad droht nach der aufwendigen Sanierung unter Berücksichtigung von Denkmalschutzaspekten dasselbe Los – Einsparpotenzial: 103 000 Euro.

Kritik an Schließung von Bädern und Eishalle

Die Schließung von Bädern ist gerade für Sportbürgermeister Schairer ein Tabu, hat er sich doch die Verbesserung der Schwimmfähigkeit Stuttgarter Schüler zum Ziel gesetzt. Dafür bedürfe es mehr freier Wasserfläche, nicht weniger. Auch die Schließung einer Eishalle sieht er kritisch. Die Vereine auf der Waldau hätten ohnehin zu wenig Trainingsflächen, da die Hallen zum Großteil für den Publikumslauf geöffnet seien. „Das ist Stuttgarts größtes Jugendhaus“, betont Stradinger. „Die Eiswelt fährt Volllast, und eine temporäre Schließung würde die Eissport treibenden Vereine, die seit Jahren über fehlende Trainingszeiten klagen, an den Rand der Existenz bringen.“ Beide Maßnahmen seien kontraproduktiv, auch weil sie nur ein geringes Einsparpotenzial aufwiesen und neben dem Vereinssport auch die Stuttgarter Bürger beträfen. Man wundert sich, dass ausgerechnet Finanzbürgermeister Michael Föll als ehemaliger Eiskunstläufer und Abteilungsleiter des tus Stuttgart solch einen Vorschlag unterstützt.

Stradinger vertritt als Sportkreischef die Interessen von 295 Stuttgarter Vereinen mit rund 179 000 Mitgliedern. Wenn er nicht aufbegehrt, tut es niemand. Im gemeinderätlichen Sportausschuss sitzen zwar Vereinsvorsitzende, kritische Beiträge verkneifen sie sich aber aus Furcht, künftig bei der Zuschussvergabe nicht zum Zuge zu kommen. Im Kulturbereich ist derlei Zurückhaltung unbekannt. Es vergeht derzeit kein Tag, an dem die Kultursprecher der Fraktionen im Gemeinderat keine Mails erhalten, in denen eine höhere finanzielle Unterstützung angemahnt wird. Die letzten Haushaltsberatungen bestätigten die hohen Erfolgsaussichten.

Stradinger: Kürzung fatales Signal

Den vor allem in der Flüchtlingsarbeit und der Hilfe bei der Ganztagsbetreuung geforderten Sportvereinen drohen dagegen trotz hervorragender Haushaltslage der Stadt Kürzungen. „Ein falsches und fatales Signal“, kritisiert Stradinger. Die Sachkostenbeiträge der Vereine dürften nicht um 15 Prozent steigen, da sie erst 2010 um 30 Prozent erhöht worden seien. Die damalige Haushaltskonsolidierung umfasste zudem die Kürzung der Sportförderung um sieben Prozent. Diese halbe Million Euro fehlt dem organisierten Sport seitdem jedes Jahr, vor allem dem schon immer defizitären Trainingsbetrieb im Kinder- und Jugendbereich.

Die Kürzungen wären umso schlimmer, als es an allen Ecken am Geld fehlt. Die meisten Vereinssportanlagen auf städtischen Grundstücken müssen mittels Mitgliedsbeiträgen in Schuss gehalten werden. Die meisten Klubheime, Umkleidetrakte, Tennis-, Gymnastik- und Turnhallen sind aber in die Jahre gekommen. Der Sanierungsstau lässt sich mit jenem der Schulen vergleichen – nur mit dem Unterschied, dass lediglich die Hälfte der Kosten von Land und Stadt übernommen werden.

Die öffentliche Hand tut sich dabei schwer. Der Zuschuss des Landes muss wegen der Antragsfülle von den Vereinen über einige Jahre vorfinanziert werden. Die städtische Unterstützung ließ zuletzt ebenfalls auf sich warten, weil der Topf für Großprojekte wie den Olympiastützpunkt Stuttgart und die Jugendakademie des VfB Stuttgart geleert worden war. Da blieb für die kleinen Vereine nichts mehr übrig, die zudem oft gar nicht in der Lage sind, ihren Eigenanteil bei einer Bank zu finanzieren. Im Februar hat der Gemeinderat zwei Millionen Euro außer der Reihe gewährt, um die Bugwelle abzuarbeiten. Bereits da war das Budget für 2017 verbraucht.

Aktuell liegen Zuschussanträge für größere Vorhaben wie den Bau einer Tennishalle des HTC Stuttgarter Kickers und eines Umkleidegebäudes des VfB Obertürkheim oder die Sanierung der SV-Vahingen-Gymnastikhalle in Höhe von 722 000 Euro vor. Allerdings stehen für solche Projekte jährlich nur 415 700 Euro zur Verfügung. Weitere 470 000 Euro umfasst das Budget des Sportsamts für kleinere Sanierungsmaßnahmen, die oft auch spontan an die Verwaltung herangetragen werden.

Bürgermeister Schairer unterbreitet deshalb dem Gemeinderat den Vorschlag, künftig 200 000 Euro pro Jahr zusätzlich für Bauprojekte zur Verfügung zu stellen. Außerdem sollen große Maßnahmen mit über 300 000 Euro Zuschuss vom Gemeinderat im Einzelfall entschieden werden.




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