Völkermord an den Jesiden Traumatisiert und allein gelassen

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Sechs Jahre nach dem IS-Völkermord kehren Tausende Jesiden erstmals in ihre zerstörten Dörfer im Sindschar-Tal zurück.

Im August 2014 wurden Tausende Jesiden von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) aus dem Sindschar-Tal befreit. Foto: picture alliance / AA
Im August 2014 wurden Tausende Jesiden von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) aus dem Sindschar-Tal befreit. Foto: picture alliance / AA

Sindschar - Für ein paar Augenblicke war die kleine Gheriba Khero der Star im Kabinettssaal. Die sechsjährige Jesidin kletterte auf den Stuhl des irakischen Regierungschefs, während sich Premier Mustafa al-Kadhimi zu ihr herab beugte und leise mit ihr sprach. „Ich vermisse meinen Vater und ich will nach Hause zurück“, vertraute ihm das Mädchen an.

Ihre Familie stammt aus einem kleinen Dorf im Sindschar-Tal. Vater, Bruder und Schwester wurden von den Schergen des „Islamischen Staates“ verschleppt, wahrscheinlich sind sie tot. Gheriba Khero kam in IS-Gefangenschaft zur Welt. Heute lebt sie mit ihrer Mutter in einem Flüchtlingscamp in Dohuk im kurdischen Nordirak. Beide reisten mit einer jesidischen Delegation nach Bagdad, um an den August 2014 zu erinnern.

Seit Juni kehren die Jesiden erstmals wieder in größerer Zahl in das Sindschar-Tal zurück

Damals brach für die jesidische Minderheit im Sindschar-Tal die Hölle los. Die IS-Terrormiliz trieb die Männer zusammen, exekutierte 5000 von ihnen und verscharrte sie in Massengräbern. 6400 Frauen und Kinder wurden nach Mossul gezwungen, um auf dem Sklavenmarkt versteigert zu werden. 3500 Opfer konnten bis heute freigekauft und gerettet werden. 2900 gelten auch zwei Jahre nach dem Ende des „Islamischen Kalifats“ noch als vermisst. Der Menschenhandel mit Jesidinnen ist zu einem lukrativen Geschäft geworden, an dem sich Stammesfürsten und Terrorgruppen bereichern, vor allem in der nordsyrischen Rebellenprovinz Idlib.

Seit Juni kehren die Jesiden erstmals wieder in größerer Zahl in das Sindschar-Tal zurück. Etwa 13 000 der 360 000 Geflohenen machten sich bisher auf den Weg. Sie sind die Perspektivlosigkeit in den Flüchtlingscamps leid. „Ich denke, wir haben eine gute Zukunft, wenn jemand für unseren Schutz und unsere Sicherheit sorgt“, sagte einer der Vorreiter, der 58-jährige Saad Hamad Mato. In den Lagern zur Untätigkeit verdammt hätten alle nur über ihre Heimat nachgegrübelt.

Von Bagdad können die Rückkehrer keine große Hilfe erwarten. Ministerpräsident Mustafa al-Kadhimi erwarb sich zwar in den ersten Monaten hohes Ansehen in der Bevölkerung, auch unter den Jesiden. Dem Regierungschef aber sind wirtschaftlich die Hände gebunden. Die Corona-Pandemie grassiert, der Ölpreis verharrt auf niedrigem Niveau. Korruption und Klientelwirtschaft zehren zusätzlich an den stark geschrumpften Staatseinnahmen.

Überall lauern Sprengfallen, die die Gotteskrieger hinterlassen haben

Zudem ist der Krieg aus den Jesidengebieten nicht völlig verschwunden. Schiitische Milizen treiben sich herum, Attentate des „Islamischen Staates“ nehmen wieder zu. Erst kürzlich bombardierten türkische Kampfjets im Sindschar-Tal Stellungen der kurdischen YPG-Milizen, die Ankara als Terrororganisation betrachtet. Deren Kämpfer hatten 2017 einen erheblichen Anteil an dem Sieg über den „Islamischen Staat“ und unterhalten dort eigene Militärbasen. Die monatelange Befreiungsschlacht hat die einst friedliche Ebene völlig verwüstet. Schon vor dem IS-Überfall hatte sie zu den ärmsten Landstrichen des Irak gezählt. In den Dörfern steht kaum noch ein Stein auf dem anderen. 70 Prozent der Häuser sind zerstört. Praktisch alle Schulen, Polizeiwachen, Geschäfte, Verwaltungen und Gesundheitsstationen liegen in Trümmern. „Sindschar ist ein Wrack“, bilanzierte eine irakische Besucherin. Es gibt kaum Strom und nur wenig Trinkwasser. Saatgut und Tiere fehlen ebenso wie Maschinen und Zement. Überall lauern Sprengfallen, die die Gotteskrieger hinterlassen haben: versteckt in Kochtöpfen, Handys oder Kinderspielzeug. Der Film „Into the Fire“ dokumentiert die Arbeit junger Jesidinnen, die Landminen entschärfen. „Wir versuchen, das Geschehene zu vergessen“, sagt die 28-jährige Hana Khider. Sie leitet das Team, das seit 2016 rund 27 000 Minen beseitigen konnte.

Mindestens die Hälfte der Jesiden leidet an Depressionen und Albträumen

Die übrigen Heimkehrer beginnen, ihre früheren Felder und Gärten wieder zu bestellen. Oder sie verdingen sich als Tagelöhner beim Wiederaufbau. Die Corona-Straßensperren erschweren den Neuanfang. Die Kleinbauern werden ihre Ernte nicht los, weil Händler die verderbliche Ware nicht abholen und zu den Märkten bringen können. Auch der Transport von Baumaterial stockt, sodass viele Handwerker nichts mehr tun haben.

Hinzu kommen die offenen seelischen Wunden. Mindestens die Hälfte der Jesiden leidet nach der mörderischen Apokalypse des „Islamischen Staates“ an Depressionen und Albträumen, ist geplagt von Selbstmordgedanken und Zukunftsängsten. Vor allem die rund 1900 von der Terrormiliz entführten Kinder zeigen nach einer Untersuchung von Amnesty International extreme psychische Störungen, vor allem Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, und Jungen, die der IS als Kindersoldaten missbrauchte und indoktrinierte.

Aber auch erwachsene Rückkehrer fühlen sich jetzt mit ihren seelischen Krisen allein gelassen. Die Verbindungsstraßen zum kurdischen Nordirak sind wegen der Covid-19-Pandemie blockiert, der Kontakt zu den psychologischen Hilfezentren in Dohuk ist unterbrochen. Nur wer als Notfall im Krankenwagen kommt, darf auch passieren.




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