Vorrunde der EM 2021 Zwischenbilanz eines eigentümlichen Turniers

Das (Eigen-)Tor des Turniers: Der Slowake Martin Dubravka schmettert sich den Ball gegen Spanien selbst ins Netz. Foto: imago/EFE
Das (Eigen-)Tor des Turniers: Der Slowake Martin Dubravka schmettert sich den Ball gegen Spanien selbst ins Netz. Foto: imago/EFE

Tolle Spiele, Tore und Eigentore satt, volle Stadien, aber geringe Einschaltquoten – das ist die Vorrundenbilanz der Fußball-EM.

Sport: Gregor Preiß (gp)
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Stuttgart - Viel ist vorab über die Fußball-EM 2021 diskutiert worden. Über Modus, Austragungsorte und die Stimmung im Land. Nun ist die Vorrunde absolviert – Zeit für eine erste Bilanz.

Das sportliche Niveau Erster Indikator zur Bemessung des sportlichen Niveaus eines Turniers respektive des Unterhaltungswerts ist die Zahl der Tore. 94 fielen in den 36 Spielen der Vorrunde, was einem Schnitt von 2,61 entspricht. Dem höchsten seit der Euro 2000 in den Niederlanden und Belgien, als im Schnitt 2,74 Tore pro Spiel fielen.

Wer nun einwendet, die Anzahl der Tore habe nichts mit der Qualität der Spiele zu tun, dem sei entgegnet, dass viele Begegnungen unabhängig davon einen sehr ansehnlichen Charakter hatten. Man denke nur an das Ballgeschiebe früherer Vorrunden zurück! Die Spiele dieser Euro sind schnell und kampfbetont – von Ermüdungserscheinungen nach der langen Saison noch keine Spur. Es sind eben die Besten ihrer Zunft vertreten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, zeigen sie ihr Können auch, ob sie nun Cristiano Ronaldo, Kylian Mbappé, Romelo Lukako, Robert Lewandowski oder Luka Modric heißen.

Die EM als Europareise Viel ist im Vorfeld über den Modus diskutiert worden. Eine EM in ganz Europa – das gab es noch nie und wird es wohl auch so schnell nicht wieder geben. „So ein Turnier sieht aus wie eine gute Idee, aber logistisch ist es ein absoluter Albtraum – mit Covid noch dazu“, sagt etwa der walisische Teammanager Robert Page. Nach Spielen in Aserbaidschan und Italien geht es für die walisische Nationalmannschaft am Samstag nach Amsterdam.

Die Finnen hatten mit anderen Problemen zu kämpfen. Nach der Niederlage im letzten Vorrundenspiel in St. Petersburg wussten sie noch nicht, ob es für sie weitergeht. Also steuerten sie erst einmal ihr Quartier an der finnischen Grenze an – um dort später zu erfahren, dass sie endgültig raus sind.

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Der Modus mit 24 Mannschaften und einigen Gruppen-Dritten, die sich noch für die K.-o.-Runde qualifizieren (notfalls über die Fair-Play-Wertung), wurde bei der Euro 2016 erstmals praktiziert, erfordert bei allen Beteiligten aber viel Geschick im Kopfrechnen und Flexibilität bei der weiteren Turnierplanung. Dabei ist der sportliche Mehrwert der Aufstockung von 16 auf 24 Teams überschaubar: Auch jetzt wieder sind alle Großen in der K.-0.-Runde vertreten.

Die EM der Eigentore Phänomene haben die Eigenschaft, dass sie auftauchen, aber nur schwer zu erklären sind. Mal sind es viele verschossene Elfmeter oder irre Schiedsrichterleistungen. Bei diesem Turnier sticht die Vielzahl der Eigentore ins Auge. Acht sind es bereits nach der Vorrunde, so viele wie noch nie. Darunter – für den neutralen Zuschauer – wunderbare Slapstick-Einlagen wie von Martin Dubravka, dem Torwart der Slowakei, im Spiel gegen die Spanier. Oder das viel diskutierte Selbsttor von Mats Hummels (vermeidbar oder nicht?) gegen Frankreich.

Nur Zufall steckt hinter dem Phänomen sicher nicht. Etliche Eigentore, so auch die der Portugiesen im Spiel gegen Deutschland, sind vom Gegner erzwungene Eigentore. Durch wuchtige, halbhohe Hereingaben, die sich nur schwer verteidigen lassen. Sie ähneln dem Modus Operandi vieler Außenangreifer, dem Gegner durch gezieltes Anschießen infolge der verschärften Handspielregel einen Handelfmeter aufzuzwingen.

Corona Fast könnte man vergessen, dass es diese Pandemie noch gibt angesichts der Bilder, die aus den Stadien in Budapest, Kopenhagen oder London in die Wohnzimmerstuben flackern. Voll besetzte Fanblöcke, Anhänger, die sich nach Toren in den Armen liegen und Bier verspritzen, all das natürlich weitgehend ohne Mund-Nasen-Schutz. Während die Uefa-Aufseher jeden Fotografen oder Helfer im Stadion penibel an ihre Tragepflicht erinnern. Schätzungen der Münchner Polizei zufolge waren beim Spiel Deutschland – Portugal etwa zwei Drittel der 14 000 Zuschauer ohne vorgeschriebene Maske auf den Rängen unterwegs. Viele Politiker – nicht nur Karl Lauterbach – kritisieren die oftmals laxe Herangehensweise.

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„Die hochansteckende Delta-Variante könnte die zuletzt stark gesunkenen Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellen lassen“, warnt der bayrische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). An die von Virologen und Medizinern empfohlene Reisebeschränkung werden sich wohl nur wenige halten. Stolz berichtet Kroatiens Trainer Zlatko Dalic davon, von 20 000 Fans zum Achtelfinale gegen Spanien nach Kopenhagen begleitet zu werden. Über die Auswirkungen der EM auf die Pandemie, so schätzen Experten, wird es wohl erst in einigen Wochen aussagekräftige Zahlen geben.

Stimmung im Land Keine Fanmeilen zwar und nur vereinzelt Autokorsos. Dafür gut besuchte Biergärten und Kneipen – in der öffentlichen Wahrnehmung kehrt die Begeisterung für den Fußball, wenn auch langsam, nach Deutschland zurück. Trotz Corona, trotz mäßiger Leistungen der Nationalelf und des derzeit nicht gerade gut beleumundeten Profifußballs im Allgemeinen.

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Das Drama um den Dänen Christian Eriksen und der Streit über die Regenbogen-Beleuchtung bescherten der Veranstaltung zusätzlich Aufmerksamkeit. Dennoch verzeichnen die Fernsehsender sinkende Einschaltquoten im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Turnieren. „Insgesamt schauen die Menschen weniger Fußball“, fasste ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky die am Mittwoch beendete Vorrunde zusammen. Das betrifft vor allem die Gruppe der über 50-Jährigen, weniger die Jüngeren. Das deutsche Spiel gegen Ungarn war das erste dieser EM, das die 25-Millionen-Marke knackte. Wie sportlich gilt auch hier: Es gibt noch Luft nach oben.




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