Figurentheater-Festival Imaginale 2020 Leben, Tod und Schwebe

Von Brigitte Jähnigen 

Beim internationalen Theaterfestival Imaginale 2020 dreht sich alles um den menschlichen Körper. Sieben Dinge, die Sie über das Figurentheater-Festival in Stuttgart wissen sollten.

Die großen Fluchtbewegungen der Welt stellt das finnische Duo Livsmedlet in „Invisible Lands“  auch mal zwischen Knie und Ferse dar. Foto: Veranstalter/Pernilla Lindgren 17 Bilder
Die großen Fluchtbewegungen der Welt stellt das finnische Duo Livsmedlet in „Invisible Lands“ auch mal zwischen Knie und Ferse dar. Foto: Veranstalter/Pernilla Lindgren

Stuttgart - Die in sechs baden-württembergischen Städten stattfindende Imaginale 2020, die am Donnerstag beginnt, hat einen neuen Zusatztitel bekommen: „Internationales Theaterfestival animierter Formen“. Die künstlerische und organisatorische Leitung liegt bei Katja Spiess, der Intendantin des Figurentheaters Fitz in Stuttgart. Gezeigt werden vom 30. Januar bis 9. Februar mehr als 100 nationale und internationale Produktionen von Künstlern aus zwölf Nationen. Neben Stuttgart sind noch Eppingen, Heilbronn, Ludwigsburg, Mannheim und Schorndorf mit von der Partie. Das Gebotene bewegt sich im Grenzbereich von Figurentheater, Tanz, Performance und Digitalkunst. Wir haben sieben Dinge zusammengetragen , die Sie über das Festival wissen sollten.

1. Menschlicher Körper im Fokus

Ob in der Auseinandersetzung mit Puppen, mit Materialien, mit Objekten – im Fokus des Festivals steht der menschliche Körper im Verhältnis zur künstlichen Figur. „Es ist der Körper in der Optimierungsmaschine, der Körper in der Schwebe, der Körper, der um sein Leben tanzt“, sagt die Festivalchefin Katja Spiess.

2. Musikalische Elemente

Musikalische Elemente sind ein wichtiger Bestandteil von Figurentheater-Produktionen. Fekete Seretlek & Studio Damuza aus Tschechien setzen auf die Imaginationskraft der Musik: Mit Akkordeon, Schlagzeug, Violine, Kontrabass und fünf Stimmen feiern sie in „Kar – Wiederkehr“ die russische Seele (1. Februar, 22.30 Uhr, Tri-Bühne). Im Dialog zwischen Musik und Animation entwickeln Estelle Charlier und Martin Kaspar Läuchli aus Frankreich eine Geschichte um Leben und Tod (7. Februar, 18 Uhr, Tri-Bühne).

3. Junge Szene

Gewinnertypen haben optimierte Körper. Gewinner wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen. Mit ihrer One-Woman-Show „Victoria 2.0“ (7. Februar, 19.30 Uhr, Fitz). führt Zala Ana Stiglic Versuche zur Optimierung ihres Körpers vor. Sie sitzt auf einem Fahrrad, sie strampelt sich ab. Mit einem Höchsteinsatz an Kraft will sie Strom erzeugen. Aber nichts passiert. Mit „Victoria 2.0“ vertritt die Slowenin mit ihrem Ensemble Moment Association & GT 22 die junge Szene bei der Imaginale 2020. Die Produktion liegt am Puls der Zeit und steht exemplarisch fürs Kernanliegen des Festivals. „Der Körper wird zum Erprobungs- und Sehnsuchtsraum sowie zur Schnittstelle von Schauspielkunst, Szenografie und visuellem Design“, so Spiess.

4. Schwerpunkt Israel & Frankreich

Schon in den vergangenen Jahren waren das zeitgenössische israelische Figurentheater und Vertreter der französischen Figurenspieler beim Stuttgarter Festival vertreten. Sie sind auch dieses Mal prominent dabei. Mit der Produktion „The House by the Lake“ kommen Yael Rasooly und Yaara Goldring aus Israel in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Als Vertreterinnen der Enkelgeneration zeigen sie mit Mitteln des Kabaretts eine jüdische Kindheit im Dritten Reich ( 30. Januar, 20.30 Uhr, Fitz). Aus Straßburg kommt das TJP Strasbourg. Mit „At the still Point of the turning World“ loten die Künstler in einem Meer von in kleinen Beuteln verpackter Figuren das Verhältnis von Individualität und Gemeinschaft aus (8. Februar, 19 Uhr Uhr, Jes).

5. Migration

Auch wenn Themen wie globale Klimaveränderung oder die allgemeine Verrohung menschlicher Gesellschaften nicht im direkten Fokus der Imaginale 2020 stehen, bleibt doch Politik, etwa die Migration, als Sujet interessant. Ohne Worte improvisieren Sandrian Lindgren und Ishmael Falke vom finnisch-schwedischen Duo Livsmedlet in „Invisible Lands“ über eine fiktive Flucht. Ein Knie formt das Gebirge, durch das sich Flüchtende quälen. Auf einem See aus Bäuchen schwimmt ein provisorisches Boot (6. Februar, 22 Uhr, Fitz).

6. Imaginale für Kinder

Mit vier Produktionen ist die Imaginale für Kinder in Stuttgart unterwegs. In „Stroh zu Gold“ zeigt das Theater Meschugge das Märchen der Brüder Grimm vom Rumpelstilzchen. Fragen wie jene nach der Identität des Zwergs, der seinen Namen nicht verraten will, sollen in Ilka Schönbeins Inszenierung neu beantwortet werden (2. Februar, 16 Uhr, Fitz).

7. Stuttgarter Großpuppe

Mit ihrer Großfigur „Punch Agathe“ erregt die Stuttgarter Figurenspielerin, Bühnenbildnerin und Regisseurin Stefanie Oberhoff nicht nur in Stuttgart Aufsehen. Jetzt wird sie in der Produktion „Home of Love“ zur Partnerin eines acht Meter großen aufblasbaren Puppenwesens. Inspirieren ließ sie sich in ihrer Performance von Platons Schöpfungsgeschichte „Timaios“. Nach Timaios‘ Darstellung ist die Entstehung des Kosmos hauptsächlich von zwei Faktoren, von der Vernunft und der Notwendigkeit, geprägt. Stefanie Oberhoff sucht den Dialog zu diesem Thema mit ihrem Riesenlurch. Die Uraufführung ist eine eigene Festivalproduktion und am 4. Februar, 20.30 Uhr, im Württembergischen Landesmuseum zu sehen.