Die Europäische Union plant mit dem Green Deal eine nachhaltigere Landwirtschaft. Als Vorbild gilt auch eine Metzgerei im schwäbischen Dotternhausen. Tiere werden dort möglichst stressfrei geschlachtet.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Dotternhausen - Die Kuh ahnt nichts von ihrem nahen Tod. Genüsslich kaut das Tier an einem Büschel Heu, als der Schlachter das Bolzenschussgerät an ihrer Stirn ansetzt, ein dumpfer Knall, die Kuh sackt betäubt in sich zusammen. Auf dem sogenannten Fangmodul wird das Tier in einen speziellen Anhänger gezogen, wo es nach dem gezielten Bruststich innerhalb von wenigen Sekunden stirbt. Knapp über eine Minute dauert die ganze Prozedur.

„Ich bin sicher, die Kuh hatte ein schönes Leben auf der Weide und sie hatte auf jeden Fall einen stressfreien Tod“, sagt Swen Balzer. Der Mann arbeitet seit über 30 Jahren als Schlachter und betreibt in Dotternhausen, einer kleinen Gemeinde im Zollernalbkreis in Baden-Württemberg, eine eigene Metzgerei. Dass er Mitleid mit den Tieren hat, würde dem 52-Jährigen wohl nicht in den Sinn kommen. Der Mann ist Profi und ist sich sehr bewusst, dass das Töten zu seinem Handwerk gehört. Doch ist es Swen Balzer gerade deshalb wichtig, dass die Würde der Kreatur auch in den letzten Stunden ihres Lebens nicht angetastet werden darf. Deshalb kann der Metzger richtig wütend werden, wenn er über Tiertransporte redet, die in Deutschland der Normalzustand sind und auf denen das Vieh bisweilen regelrecht misshandelt wird.

Eine Alternative zum herkömmlichen Schlachten

Dieser Zweifel nagte über viele Jahre an Swen Balzer, bis er sich schließlich auf die Suche nach Alternativen zum herkömmlichen Schlachtbetrieb machte. Dabei stieß er auf die IG Schlachtung mit Achtung, einer Initiative von drei Leuten aus dem nahen Schwarzwald. „Wir haben uns beim ersten Telefonat sofort verstanden“, erinnert sich Sandra Kopf, eine der Initiatorinnen der IG Schlachtung mit Achtung. Das liegt wohl auch daran, dass beide dieselbe, sehr geradlinige Sprache sprechen.

„Wir töten Tiere, um sie zu essen, da gibt es nichts zu beschönigen“, redet die 52-Jährige nicht lange um den heißen Brei. „Aber wir versuchen, das so schonend wie möglich zu machen.“ Ziel ihrer Initiative ist es, den Tieren einen Tod in ihrer gewohnten Umgebung zu ermöglichen, ohne Panik, Angst und die Strapazen durch den Transport zum manchmal weit entfernten Schlachthof. „Natürlich wird dadurch auch das Fleisch teurer“, räumt Sandra Kopf ein, „es hat dann aber auch eine ganz andere Qualität.“ Metzgermeister Balzer nickt zustimmend.

Ein Hürdenlauf durch die Bürokratie

Von der ersten Idee bis zur Realisierung war es allerdings ein langer Weg. Über 300 000 Euro steckten die drei Gründer in die Entwicklung der Vorrichtung zum Töten der Kühe vor Ort auf den Bauernhöfen. Damals ahnten sie nicht, was für ein bürokratischer Hürdenlauf damit verbunden sein sollte. Auf diesem Weg musste sogar das EU-Recht geändert werden, denn die europäischen Hygienevorschriften gestatteten bis zu jenem Zeitpunkt die Schlachtung von Rindern und Schweinen nur im Schlachthof.

Am Ende zahlte sich aus, dass sie beharrlich ihre Idee verfolgt hatten, immer wieder ihre Konstruktion präsentierten und so lange Klinken putzten, bis man schließlich im Landwirtschaftsministerium des Landes auf die IG aufmerksam wurde. So konnte ein großer Stein beiseite gerollt werden. Die Änderungen im EU-Hygienerecht gingen maßgeblich auf die Initiative von Baden-Württemberg zurück, heißt es heute aus Stuttgart. „Damit kann der Wunsch nach mehr Tierschutz bei der Schlachtung, die Stärkung regionalen Tierhaltung sowie die Produktion von hochwertigem Fleisch verbunden werden “, unterstreicht Peter Hauck, Landwirtschaftsminister von Baden-Württemberg.

Rückenwind von der Europäischen Union

Nun bekommen die drei Erfinder aus dem Schwarzwald unverhofften Rückenwind. Denn im fernen Brüssel wurde eine neue Zukunftsstrategie für Europa vorgelegt: der Green Deal. Erklärtes Ziel ist es, die EU bis 2050 klimaneutral zu machen. Das ist, wie so häufig in Sachen Europa, wenig greifbar, wird aber sehr konkret, wenn die Folgen dieser neuen Strategie eines nicht allzu fernen Tages auf dem Tisch der Verbraucher zu sehen sind. Denn im Rahmen dieses ökologischen Umbaus der Union wird im Bereich Landwirtschaft das Farm-to-fork-Projekt umgesetzt.

Das bedeutet etwa, dass die Lebensmittel umweltgerechter erzeugt werden, gleichzeitig aber bezahlbar bleiben sollen. Zudem sollen die Landwirte für ihr nachhaltiges Arbeiten besser bezahlt werden. „In der regionalen Umsetzung des Green Deal stecken viele Chancen für die Landwirtschaft in Baden-Württemberg“, jubiliert Landwirtschaftsminister Hauck und betont, dass die Bauern im Südwesten sehr innovationsfreudig seien, meint damit aber auch, dass viele Milliarden Euro an Subventionen aus Brüssel fließen werden.

Die Europäische Union ist weit weg

In Dotternhausen im Zollernalbkreis wird die Ankündigung des Green Deals natürlich mit großem Wohlwollen zur Kenntnis genommen. „Aber die EU ist sehr weit weg, wir sind hier vor Ort und müssen die Vorgaben umsetzten“, sagt Maximilian Sauter, der im Metzgerbetrieb von Swen Balzer arbeitet. Der 28-Jährige hat mitbekommen, wie schwierig es war, die Subventionen in Höhe von knapp 40 000 Euro für die insgesamt weit über 80 000 Euro teure mobile Vorrichtung zum stressfreien Töten der Tiere auf dem Hof zu bekommen.

Am Ende konnte das Gerät nur angeschafft werden, weil Balzer das Geld vorstreckte. „Wir sind es gewohnt, etwas anzupacken und Entscheidungen zu treffen. Da trifft man in den Amtsstuben bisweilen auf eine andere, sehr abwartende Mentalität“, kommentiert der Metzgermeister rückblickend und hat auch mit der Flut von Papieren seine eigenen Erfahren gemacht. „Wenn man zwölf Stunden gearbeitet hat, hat man nicht immer noch Lust, in der Nacht komplizierte Anträge auszufüllen.“

Arbeiten für eine bessere Welt

Angetrieben wird Balzer allerdings immer wieder von Maximilian Sauters unbändigem Elan. Der hat schon mehrere Jahre in verschiedenen französischen Spitzenrestaurants als Koch gearbeitet und ist einer jener jungen Menschen, die nicht von einer besseren Welt reden wollen, sondern mit beiden Händen zupacken. „Wir müssen weg von dem ganzen Schnickschnack“, sagt der 28-Jährige. „Wir müssen versuchen, aus dem Einfachen das Beste zu machen.“

Das bedeutete für ihn persönlich, dass er zurück auf die heimische schwäbische Scholle strebte und seine Idee von einem ganzheitlichen Produktkreislauf verwirklichen will, in dem jeder den anderen achtet. Dazu müssten allerdings alle ihr Scherflein beitragen. „Landwirt, Metzger und Verbraucher haben es nur zusammen in der Hand“, sagt Maximilian Sauter, alle müssten sich wieder bewusster werden, was wirklich wichtig ist. Der junge Mann ist ein sehr bodenständiger Idealist, der sich nicht anmaßt, Berge versetzen zu wollen. Aber er ist überzeugt, dass auch die großen Veränderungen vor Ort in kleinen Strukturen beginnen müssen.