Stuttgarter Clubs in der Zwangspause Wenn die Erinnerungen rocken

Von Uwe Bogen 

Das Clubleben ruht. Umso mehr er­freu­en sich viele an Partys von einst. Im Netz rocken die Erinnerungen. Von der Radio Bar bis zur Boa, von Pauls Boutique bis zum Kings Club – die Stay-at-home-Challenge ruft schöne Geschichten wach.

Zwei Buchstaben verschwanden 1996 am Rotebühlplatz: Aus dem Radio Barth wurde  die  Radio Bar. Foto: Thomas Hörner 23 Bilder
Zwei Buchstaben verschwanden 1996 am Rotebühlplatz: Aus dem Radio Barth wurde die Radio Bar. Foto: Thomas Hörner

Stuttgart - In der Radio Bar hat Thomas Tuchel, heute Trainer von Paris Saint-Germain, bis 1999 gejobbt, um sein Studium zu finanzieren. Als 1996 zwei Buchstaben an zentraler Stelle von Stuttgart fielen, wurde die deutsche Hip-Hop-Metropole noch stärker. Dort, wo die Vorwahl 0711 zum Markenzeichen geworden war, entstand im früheren Musikhaus ein kultureller Treff für Rapper aller Art, aber auch für junge Kreative, die über den Kesselrand hinausblicken konnten.

Clevere Typen hatten nach der Insolvenz des Traditionsgeschäfts zwei Buchstaben des Firmenschilds „Radio-Barth“ am Rote­bühlplatz abgeschraubt – die Radio-Bar entstand, die für vier schnelle Jahre bis zum Abriss des Gebäudes im Jahr 2000 den Takt im Stuttgarts Nachtleben vorgeben sollte.

Feiern, bis die Abrissbirne kommt

Einer der abschraubenden Typen war Carlos Coelho. Nicht wenige seiner Gäste, sagt er, kannten den Ort aus ihrer Kindheit: „Dort, wo sie einst an ihre Blockflöten kamen, hatten sie nun Sex auf dem Klo.“

Feiern, bis die Abrissbirne kommt – dies galt auch im ersten Zapata im Südmilchareal (1994 bis 1995) und in Pauls Boutique auf dem Kleinen Schlossplatz (1995 bis 2002). Ein weiterer Klassiker, Das unbekannte Tier (1990 bis 1996), ist mit kreisenden Rädern an der Theke und Kunst im fischlosen Aquarium vor 30 Jahren im Metropol-Haus eröffnet worden. Mitgründer Johannes Zeller ist überrascht, wie oft er heute noch darauf angesprochen wird.

Die Boa und der Kings Club wurden 1977 eröffnet

In der Stay-at-home-Challenge fehlen die Dinos des Nachtlebens nicht, die überlebt haben. Die Ältesten – Boa und Kings Club (KC) – sind 1977 eröffnet worden. Aufgabe der Clubchefs, die Corona-bedingt pausieren müssen, ist es, ihre Höhepunkte zu erzählen. Werner „Sloggi“ Find verrät, dass er ein Buch über die Boa schreibt. Für Wirtin Laura Halding-Hoppenheit ist es „Horror“, dass sie jetzt ihre „schwulen Kinder“ im KC nicht sehen kann. Diesen tiefen Einschnitt werde man gemeinsam überwinden. „Die Aidskrise hat uns hart gemacht“, sagt sie.

Perkins-Park-Gründer Michael Presinger hat den Mietvertrag mit der Stadt bis 2035 verlängert – dann ist er 83 Jahre alt. Im Dezember will der Killesberg-Club den 40. Geburtstag feiern – ohne Corona.

Stefan Schneider, seit 1992 Chef des Palasts der Republik, hat eine Corona-Odyssee von Ibiza nach Stuttgart hinter sich – er schaffte es nur in einem Privatjet von Barcelona hierher –, und ruft eindringlich dazu auf: „Bleibt alle mal zwei Wochen daheim!“

Zapata-Mitgründer Marcelo Lagos ist heute Landwirt

Das Zapata war Stuttgarts originellste Gastroidee des alten Jahrtausends, von der Documenta als Kunst geadelt. Mitgründer Marcelo Lagos, heute Landwirt bei Hamburg, spricht in der Challenge über den rebellischen Geist eines Phänomens und erzählt, warum Joschka Fischer dank des Zapatas seine heutige Frau kennengelernt hat.

Der einstige Chef von Pauls Boutique ist heute CEO einer Investment AG

Ist das eine Demo? Oder ein Open-Air? Dies fragten sich Auswärtige einst, wenn sie den überfüllten Kleinen Schlossplatz sahen. Es war Pauls Boutique. Vor fast 25 Jahren ging’s los. Die Bar ließ Stuttgart rocken. Mitgründer Klaus Morlock lebt heute als CEO einer Investment AG in Zürich. Das ehemalige Kartenhäusle war von 1995 an die größte Caipirinha-Ladestation außerhalb von Lateinamerika. Pauls Boutique und die Freitreppe wenige Schritte weiter sind zwei von vielen Beweisen dafür, dass sich Stuttgart seinem provinziellen Image, das damals bundesweit verbreitet war, mit Power und Kreativität widersetzt hat.

Der Wunsch von Architekt Walter Belz, die aus Fertigteilen bestehende Freitreppe behutsam abzutragen, um Teile davon womöglich andernorts zu verwenden, hat sich nicht erfüllt. Dies sei zu teuer, hieß es im Rathaus. Wie schade! Teile der Freitreppe und des Kartenhäusles, also auch von Pauls Boutique, hätten dringend ins Stuttgart-Museum im Stadtpalais gehört! Denn hier ist Stuttgart in den 1990ern leichter, sympathischer und großstädtischer geworden.

Wer noch weitere Geschichte aus dem Stuttgarter Nachtleben zu erzählen hat, schreibt eine E-Mail an: uwe.bogen@stzn.de.

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