Gemüsebrühe, Saft, Kräutertee – sonst nichts: Seit mehr als 70 Jahren kommen Gäste aus aller Welt zum Heilfasten in die exklusive Klinik Buchinger-Wilhelmi am Bodensee. Die Erholung vom Überfluss kostet jede Menge Geld.

Ein Wellness-Tempel? Das ist die Klinik Buchinger-Wilhelmi bestimmt nicht. Wer luxuriös ausgestattete Zimmer mit Kingsize-Betten, riesigen Flachbildfernsehern, Regenduschen und eigener Sauna erwartet, ist fehl am Platz. Stattdessen dominiert unprätentiöser, nüchterner, nachhaltiger Komfort: ein perfekter wie exklusiver Ort, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, innezuhalten, loszulassen. Schon allein wegen der Lage. Hoch oben über dem Städtchen Überlingen tun sich spektakuläre Blicke auf den grausilbern schimmernden Bodensee auf. Selbst an einem regnerischen Wintertag spaziert man freudig durch die terrassenartig angelegten Gärten, die die Gebäudetrakte verbinden.

 

Seit mehr als 70 Jahren finden sich hier Gäste aus aller Welt ein, um sich aus dem Alltag auszuklinken und nach den Regeln des Klinikgründers und Arztes Otto Buchinger (1878–1966) zu fasten. „Früher kamen oft übergewichtige Gäste, die abnehmen wollten“, erzählt Raimund Wilhelmi, 74, Buchingers Enkel. Dieses Thema sei aber längst nicht mehr zentral. Die Gäste, wie die Patienten hier genannt werden, sind jünger, aktiver und im Alltag gesundheitsbewusster geworden. „Heute steht viel mehr das Bedürfnis nach Meditativem, nach Spirituellem im Fokus“, fügt Leonard Wilhelmi, 36, hinzu, der vor fünf Jahren die Geschäftsführung von seinem Vater Raimund Wilhelmi übernommen hat. Man wolle sich von Stress, Informationsflut und Überfluss erholen: „Der Reiz des Fastens liegt im Verzicht.“


Früher galten sie als die „Säftles-Päpste“

In gewisser Weise geht es somit zurück zu den Wurzeln. Das Fasten ist in der Klinik zwar explizit nicht religiös motiviert, seinen Ursprung hat es jedoch in zahlreichen Glaubenslehren. Im Islam etwa ist während des Ramadan tagsüber das Essen und Trinken untersagt. Auch im Judentum sind Fastentage verankert, so an Jom Kippur. Und im Christentum bereitet man sich in der Fastenzeit, die dieses Jahr am 14. Februar beginnt, auf das wichtigste Fest vor: Ostern.

„Trotzdem wurden wir früher belächelt und als ‚Säftlespäpste‘ verspottet“, erzählt Raimund Wilhelmi. Inzwischen ist der Frühjahrsputz für Körper und Geist ein Lifestyle-Trend. Besonders um das Intervallfasten, wo zum Beispiel zu bestimmten Tageszeiten nichts gegessen wird, ranken sich viele Versprechen: Es soll den Blick für gesunde Ernährung schärfen, Energie verleihen und vor allem beim Abnehmen helfen.

Heilfasten nach Buchinger ist medizinisch orientiert

Dass auch beim Intervallfasten nach Buchinger-Methode das eine oder andere Kilo purzelt, ist zusätzlicher Antrieb. Doch sie ist klassischerweise vor allem für eins gedacht: Gesundheit zu erhalten und medizinische Leiden zu lindern oder gar zu heilen. „Wir haben in unserem Namen das Wort ‚Klinik‘ zwar fallen gelassen, sind aber ganz klar medizinisch ausgerichtet“, sagt Wilhelmi senior. Das zeigt sich auch am Personal: Zwölf Ärzte und Ärztinnen, dazu ein Stab aus Pflegern, Masseuren und Therapeuten kümmern sich um das Wohl der Gäste – dreisprachig – auf Deutsch, Englisch und Französisch. Zu Beginn des Aufenthalts wird jeder intensiv untersucht und auch während der Kur täglich medizinisch überwacht. „Wo bekommt man so eine ganzheitlich ausgerichtete Behandlung heutzutage noch?“, sagt Leonard Wilhelmi.

Doch wie funktioniert das Konzept, für das die Überlinger Klinik steht? Heilfasten, das heute als Mutter aller Fastenkuren gilt, geht auf Otto Buchinger zurück. Der ehemalige Marinearzt kurierte nach dem Ersten Weltkrieg seine schwere Rheumaerkrankung durch eine Fastenkur. Danach entwickelte er eine eigene Form mit karger Kost. Denn er war davon überzeugt, dass es einer regelmäßigen Reinigung von innen bedarf, um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren. Der Effekt sollte eine Art Reset sein: alles auf null.

1953 gründete er mit Tochter Maria und Schwiegersohn Helmut Wilhelmi die Klinik am See. Schon bald zog sie ein internationales Publikum und Prominente an: den Verleger Siegfried Unseld, den Schriftsteller Max Frisch, den Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, den Hollywoodstar Jodie Foster.

Jodie Foster schwört aufs Fasten. Foto: AP/Brynn Anderson
Foto: Andreas Reiner

Bei Buchingers Version wird nicht komplett auf Energiezufuhr verzichtet, diese aber stark heruntergefahren: auf etwa 250 bis 300 Kilokalorien. Nach den anfänglichen sogenannten Abbautagen, an denen vom Team um den Küchenchef Hubet Hohler leichte, vegetarische, Demeter-zertifizierte Kost serviert wird, sind nur noch Gemüsebrühen, Säfte, Kräutertees, Wasser sowie etwas Honig, Zitronensaft und, individuell auf den Patienten abgestimmt, Vitaminzusätze erlaubt.

„Einige wenige nehmen wir als Kassenpatienten auf“

Im Salon mit seiner großen Glasfront, wie alle öffentlichen Räume und Zimmer vom italienischen Designer Matteo Thun gestaltet, treffen sich die Gäste an diesem Nachmittag zu einer appetitlich aussehenden Brühe aus Spinat. Konzentriert wird gelöffelt. Die Fastenden – darunter Ärzte, Anwältinnen, Manager, Unternehmerinnen – unterhalten sich angeregt, auch über Intimes wie unangenehme Gerüche, die der Körper beim Fasten absondert. Sie erzählen, warum sie da sind, was sie umtreibt und plagt.

Manche kennen sich bereits seit vielen Jahren, sind inzwischen Geschäftspartner geworden, haben Freundschaft geschlossen. „Wir haben treue Gäste“, sagt Leonard Wilhelmi. Sie kommen aus ganz Europa, zunehmend auch aus den USA und Kanada – und sind Selbstzahler. „Einige wenige nehmen wir als Kassenpatienten auf“, fügt Wilhelmi junior hinzu. Zwei Drittel sind immer wieder da. Den Rekord hält Friedrich Klapdor: Der 92-Jährige war schon 99-mal zu Besuch und fühlt sich jedes Mal wieder aufs Neue erfrischt.

Laut Otto Buchinger wirkt das Fasten nicht nur auf medizinischer, sondern auch auf einer psychosozialen und spirituellen Ebene. Er sprach daher von einer „Diät der Seele“. Das bestätigt sein Urenkel: „Mit der Veränderung im Stoffwechsel verändert sich auch die Wahrnehmung.“ Man schlafe anders, fühle anders, sagt der Klinikchef, der wie sein Vater selbst zweimal pro Jahr fastet. Bis heute werden Buchingers Traditionen in den Kliniken in Überlingen und im spanischen Marbella aufrechterhalten. „Wir interpretieren sie aber modern.“

So bei der Aufenthaltsdauer. Während Otto Buchinger 28 Tage als optimal empfahl, bietet die Klinik heute auch Kurzkuren mit zehn Nächten an. Weil sich nicht jeder vier Wochen leisten kann – weder zeitlich noch finanziell. Je nach Zimmerkategorie kostet die Kur zwischen 4000 und 26 000 Euro. Drei Tage „Relax“, ohne Fasten, dafür mit leichter Biovollkost, sind ab 1300 Euro zu haben. 28 Nächte „Classic Royal“ in der 100 Quadratmeter großen Mainau-Suite schlagen bei Einzelbelegung mit fast 72 000 Euro zu Buche. Stolze Preise, die Leonard Wilhelmi unter anderem mit dem Personalschlüssel rechtfertigt – auf maximal 150 Gäste kommen gut 300 Mitarbeiter – und mit der „hohen Qualität und Vielfalt unseres Angebots“. Das Rahmenprogramm ist üppig, ob Yoga, Meditation, Atemtherapie, Qigong, Schwimmen, Kochkurse, Wanderungen. Abends stehen Konzerte und Vorträge an.

Hotel, Kloster, Universität, Heilfasten nach Buchinger

Heute sei Buchinger viel mehr als nur eine Klinik, erklärt Raimund Wilhelmi. Eben auch „ein Fünf-Sterne-Hotel, eine Art Kloster und eine Universität“. So beteiligt sich die Klinik an der Forschung zum Thema Fasten. Zuletzt wurde die bisher größte wissenschaftliche Studie über die Wirkung des Heilfastens nach Buchinger veröffentlicht. Es gibt zwar immer wieder harsche Kritik an der Methode, sie sei bestenfalls ineffektiv, ansonsten kostspielig, Humbug – ja sogar gesundheitsschädlich, heißt es. Doch es spricht immer mehr dafür, dass sich Fasten positiv auswirkt, etwa auf chronische Erkrankungen. Fasten empfehle sich, zumal wenn über längere Zeit, jedoch nur unter ärztlicher Aufsicht, sagt Leonard Wilhelmi. Für daheim hat die Klinik inzwischen eine Fastenbox für fünf Tage im Angebot. Kosten: 199 Euro.

Im Restaurant sitzt eine ältere, schmale Dame an einem der eleganten Holztische. Sie wirkt gelöst, wach, zufrieden – und genießt ihre erste feste Mahlzeit. Bald geht es nach Hause, mit vielen guten Vorsätzen. Sich weniger stressen lassen, aktiver sein, mehr Pausen machen. Das nehmen sich die meisten ganz fest vor. Sollte es nicht klappen: Nicht schlimm, viele Gäste haben sich ohnehin schon für die nächste Kur angemeldet. Nach dem Fasten ist vor dem Fasten.