Robert Wilson inszeniert Verdis „Otello“ Der Elefant von San Marco

Von Susanne Benda 

Bei den Osterfestspielen im Festspielhaus Baden-Baden hat Robert Wilson Giuseppe Verdis Oper „Otello“ inszeniert inszeniert. Er ist dafür nicht nur gemeinsam mit dem Dirigenten Zubin Mehta am Pult der Berliner Philharmoniker und gemeinsam mit sehr guten Sängern bejubelt worden, sondern es gab auch etliche Buhrufe aus dem Publikum.

Szene aus dem vierten Akt mit Otello (Stuart Skelton, vorne) und Desdemona (Sonya Yoncheva, liegend, rechts) Foto: Lucie Jansch
Szene aus dem vierten Akt mit Otello (Stuart Skelton, vorne) und Desdemona (Sonya Yoncheva, liegend, rechts) Foto: Lucie Jansch

Baden-Baden - Man muss genau hinsehen, sonst nimmt man es nicht wahr: dieses kleine Zucken eines lebensmüden Auges, diese sanft resignierende Verschiebung dicker, grauer Hautfalten. Als das Publikum am Samstagabend seine Plätze im Festspielhaus Baden-Baden einnimmt, wirft ein Projektor das Bild eines riesigen Elefanten auf die Leinwand vor der Bühne, das nur scheinbar reglos ist. Zum Vorspiel folgt dem sterbenden Dickhäuter ein zweiter, diesmal als dreidimensionales, mächtiges Bühnentier, das sein Haupt ebenfalls geschwächt zur Seite neigt. Auch wenn das Orchester im Vorspiel noch Blitze zucken und Donner grollen lässt: Die wichtigste Schlacht steht dem siegreichen Befehlshaber der venezianischen Flotte noch bevor, und der als „Löwe von San Marco“ umjubelte Titelheld wird sie verlieren wie gerade die beiden Elefanten.

Das sind sprechende Bühnenchiffren, das ist ein kraftvoller Auftakt. Am Ende des Abends aber hört man zumindest in einer Ecke des Saals, was es hier sonst kaum je gibt: heftige Buhrufe. Sie gelten nicht Zubin Mehta, der am Pult der bei den Osterfestspielen in Baden-Baden residierenden Berliner Philharmoniker einen der wohl langsamsten „Otellos“ der Aufführungsgeschichte dirigiert, denn der detailliert durchgeformte Orchesterklang enthält wundervolle Luxus-Klangmomente etwa bei den mal satt-dunklen, mal wundervoll filigranen Streicherlinien (Desdemonas Gebet) oder bei fein intonierten Bläserakkorden, deren Präzision nur am Ende ein wenig abnimmt.

Nein, die Buhrufer meinen den Regisseur. Der bleibt auch in diesem „Otello“ der Ästhetik treu, die ihn seit den 70er Jahren international bekannt gemacht hat: Nach den Elefantenbildern des Anfangs beschränkt sich Robert Wilson meist aufs Abstrakte. Zu sehen sind puppenhafte Figuren mit weiß geschminkten Gesichtern an der Rampe, statische, komponierte Bilder, die von häufigen, wirkungsvoll gesetzten Lichtwechseln leben, ein choreografierter, oft als Schattenbild inszenierter Chor, eine berührungslose Personenführung; kleine, stereotype Bewegungen, die vom japanischen Nô-Theater inspiriert wirken, ein wenig aber auch an das stilisierte Gesten-Repertoire der Barockoper erinnern. Manchmal wirken die Figuren fast roboterhaft. Hinzu kommen: ein schwebender Leuchtstab als Andeutung eines Altars, Rundbögen eines Palastes, die sich erst zusammenfügen und schließlich aufgelöst im Raum schweben.

Die Oper wird zum Oratorium, das Drama zum Bilderreigen

So wird die Oper zum Oratorium. Man kann sich auf die Musik konzentrieren. Dass diese, weil Musiktheater nun mal ein Gesamtkunstwerk ist, ebenfalls oft entdramatisiert wirkt, ist allerdings schade – und dürfte eher der nachlassenden Kraft des zerbrechlich wirkenden Dirigenten geschuldet sein als einem stringenten ästhetischen Konzept. Manches Bild auf der Bühne ist schön, manches deutet etwas an, und es gibt Momente, in denen man glücklich ist über die Konzentration, die Verdis „Otello“ hier zuwächst. Es gibt allerdings auch Momente, in denen der Eindruck des Dekorativen, nur hübsch Assoziierten überhandnimmt. In denen Wilsons Bebilderung etwas von kühler, ferner Vitrinenkunst eignet. Und in denen man als Zuschauer auch mal ermattet ist und nicht mehr ständig innerlich all jene Emotionen hinzufügen möchte, die den sterilen Bildern fehlen.

Außerdem bemerken die Ohren mehr. Zum Beispiel die Verengungen und Mühen in der Höhe, mit denen Stuart Skelton als Otello den ganzen Premierenabend über zu kämpfen hat. Oder die Momente, in denen die ansonsten wundervoll farbenreich gestaltende Sonya Yoncheva ihre Kantilenen zu tief ansetzt. Beide Sänger agieren allerdings so ausdrucksstark, dass die genannten Einschränkungen das Bild nur am Rande trüben. Vladimir Stoyanov könnte zwar für sein satanisches Anti-Credo noch ein bisschen mehr Schwärze brauchen, ist aber insgesamt ein Jago von mefistofelischem Format: exzellent gesungen und durchdrungen. Auch die kleineren Rollen sind sehr gut und sehr italienisch besetzt, und effektvoller, prägnanter als der Philharmonia Chor Wien kann man die Chorpartie des Stücks nicht singen.

Was bleibt? Farben, Arrangements, Augenblicke, in denen Klänge und Farben ineinanderglitten. Das Gefühl, dass man genau hinschauen und hinfühlen muss, um die Schönheit von Robert Wilsons Bilderkosmos zu entdecken. Der heute 77-jährige Regisseur muss aufpassen, dass seine Kunst nicht in bekannten Mustern und in bloßem Ästhetizismus erstarrt. Opern wie Verdis „Otello“ sind zu nah, zu lebendig, zu lebendig und zu spannend, um im Museum zu enden.

Nochmals an diesem Dienstag sowie am 19. und 22. April.